Von Sepp Graessner

Die folgenden Überlegungen, die sich auf die Lektüre von Marcel Mauss und Alain Caillé stützen und durch Beobachtungen an kurdischen Menschen untermauert wurden, werden deshalb hier angeführt, weil sie eine Besonderheit in der kurdischen Gesellschaft enthalten, wenn sich Patient und Therapeut im Gespräch begegnen, die sich von westlicher Praxis unterscheidet. Das beiderseitige Selbstverständnis weicht von Anamnesen oder Krankenberichten in westlichen Gesellschaften ab. Es enthält noch Residuen einer traditionellen Lebensform, in der ein Markt eine große Rolle spielt, wobei der Markt nicht nur als Ort des Handels auftritt, sondern darüber hinaus symbolischen Austausch ermöglicht.

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Überlegungen von Sepp Graessner

Alle Begriffe der Diagnostik von posttraumatischen Störungen und damit die entsprechende Praxis lassen sich im Einzelnen befragen und auf ihre Wertigkeit sowie ihren richtigen, richtig gemeinten oder falschen Gebrauch untersuchen. Dabei enthüllt sich eine große Portion Spekulation und „vererbter“ Bedeutungen, die sich zu Dogmen verhärten, weil die Vielzahl von Bedeutungen nicht anerkannt wird. Wir haben exemplarisch den Begriff des Flashback gewählt und stellen dazu einige Zitate in den Mittelpunkt. Sie sollen deutlich machen, dass es sich wesentlich um einen Kampf um eine Definitionshoheit in der begrifflichen Diagnostik handelt[1]. Der Kampf um Definitionshoheit ist mit hohen Gewinnen von symbolischem Kapital verbunden, nicht nur für die Forscher selbst, sondern auch für ihre Forschungseinrichtungen, Universitäten und Nation. Dadurch enthält dieser Kampf im wissenschaftlichen Feld eine politische Komponente, die „Nestbeschmutzer“ und Zweifler treffen kann.

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Sepp Graessner, MD

Ein Artikel in "Der Spiegel" hat auch deutschen Lesern die neueren Erkenntnisse über eine erfolgreiche Pharmakotherapie bei oder besser: vor PTBS erschlossen. Propanolol, ein Betablocker, soll nach den zitierten Studien, die wesentlich von Pitman und Marmar in den USA und Vaiva in Frankreich durchgeführt wurden, die Symptomatik nach extremem Trauma so sehr dämpfen, dass ein chronisches PTBS verhindert werde, zumindest die Wirkung der Symptome auf den Alltag gemildert würden.

Was ist der physiologische Mechanismus, der derzeitige Kenntnisstand? Welche Voraussetzungen binden sich an eine Therapie mit Propanolol? Können die Ergebnisse der vorliegenden Studien auf Folter Überlebende übertragen werden? Werden Psychologen und Psychotherapeuten ihre Kompetenz in der Behandlung von PTBS einbüßen?

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Juli 2007

Der Blick von außen - von Sepp Graessner

Ökonomische Prinzipien strukturieren neben anderen Wirkmechanismen[1] maßgeblich die Lebensbedingungen der kurdischen Bevölkerung in allen Regionen ihres Siedlungsgebiets. Zugleich bringen diese Bedingungen des Alltagslebens auch erst diese Prinzipien hervor. Sie sind ein wichtiger Teil des kulturellen Selbstverständnisses der Kurden. Sie stehen – das sollte nicht übersehen werden – in einer mehr oder weniger engen Verbindung zu den Voraussetzungen für die Verarbeitung von politischen Traumata. Armut, Verkauf der eigenen Arbeitskraft, Arbeitslosigkeit, Entwertung im ökonomischen Kreislauf, Verlust des Tausches, Not in den Familien, gehäufte Krankheiten durch Mangel sind für Traumatisierte beschwerende Rahmenbedingungen für die Integration von erlebter Gewalt und Ohnmacht. Wenn diese These richtig ist, lohnt sich eine, zugegeben oberflächliche, Analyse des Wandels in den Bedingungen des ökonomischen Alltagslebens. Damit soll im makrokosmischen Rahmen gezeigt werden, welche zersetzenden Einflüsse von der Orientierung im ökonomischen Wandel ausgehen können und wie diese Prozesse die kollektiven und individuellen Integrationsbemühungen historischer Traumata formen können:

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Trauma und seine Folgen sind schwer zu definieren[1], weil sie zwischen ihren physischen und psychischen Phänotypen und Anwendungsformen, dem zugrunde liegenden Verständnis vom Gedächtnis und seinen Funktionen und den theoretischen Verästelungen der Psychodynamik auf vielfältige Art hin- und heroszillieren, darin ähnlich dem Begriff des Bewusstseins. Sehr unterschiedlich akzentuiert erscheinen die Anwendungsformen im klinisch-psychologischen, literarischen, kulturwissenschaftlichen und anthropologischen Bereich. Überraschend wirkt dabei die weit gehende Vermeidung eines weiteren amorphen Begriffs: dem einer diffusen oder überwältigenden oder situativen Angst, die lähmt und unfähig zum geordneten Denken macht, Erregung produziert und eine Kaskade von stofflichen Einflüssen freisetzt. Gleichwohl wird Angst zumeist als eine Emotion unter anderen marginalisiert. Der Umgang mit individuell empfundener Angst wird von Vermeidung und Verdrängung geprägt.

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Von Sepp Graessner 

Das griechische Wort für Verletzung, Narbe wurde vor über 120 Jahren in Europa von körperlichen Verletzungen auf psychische Verwundungen und Narben der Seele übertragen. Eine Übertragung von physischen Verletzungen auf psychische Vorgänge ist nur dann möglich, wenn man das seit der Antike gebrauchte Wort Trauma aufspaltet in ein körperliches und ein psychisches, (obschon beide Traumata einen Körper benötigen, um sich zu materialisieren, d.h. von außen beobachtbar, angeblich messbar oder beurteilbar zu sein). An der Entwicklung des Begriffs vom Trauma lässt sich der über Jahrhunderte anerkannte Dualismus von Körper und Psyche aufzeigen, die nun allmählich als gleichwertig und gleich bedeutend anerkannt werden. Das moderne Psychotrauma erfasst als Sinnverwirrung oder als Sinnentleerung auch den Geist in einem europäischen Sinne, wenn Gewalt als politisch, willkürlich oder geheimnisvoll erfahren wird.

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Traumapolitik versucht, eine Beziehung von Diskurs mit dem zentralen Paradigma Trauma zur Politik herzustellen. Das Trauma, zumal das extreme, unter Lebensbedrohung erlebte, ist im Bereich der Humanwissenschaften zu einem Schlüssel geworden, mit dem sich vorgeblich alle Türen für ein neues Menschenbild öffnen lassen, besonders seit sich der „ traumatische Opferdiskurs“ mit dem der Menschenrechte verbunden hat. Trauma als universelle Kategorie beansprucht, Wege für einen neuen Umgang mit Gewalt/Willkür und den davon Betroffenen zu zeigen. Die klinische Kategorie:

Folgen von traumatischen Erlebnissen wurde in westlichen Kulturen (erneut) erfunden und fordert seither (Ende der 1970er Jahre) eine weltweite Gültigkeit und damit Expansion der daraus abgeleiteten therapeutischen Interventionen. Es geht im Zentrum dieser Debatte stets um die Frage, ob wir Lösungen von traumatischer Gewalt der Psychologie, Pharmaindustrie, Neurobiologie oder der Politik überlassen oder Wechselwirkungen zwischen diesen Wissenschaften befürworten sollen. Hier ergeben sich zahlreiche Fragen, die von einigen Forschern und Praktikern bereits aufgegriffen wurden. Der mainstream nimmt jedoch weder die Fragen noch die Antworten von Forschern auf.

Skrupel und Zweifel oder wissenschaftlich begründete Skepsis werden im Allgemeinen marginalisiert. Es ist eine Trauma-Lawine ins Rollen gekommen – und sie reißt Kritiker mit sich. Die Kämpfe im Feld der Psycho-Traumatologie werden mit harten Bandagen geführt, was darauf hindeutet, dass hier hohes symbolisches Kapital zu gewinnen ist. Diese Kämpfe beziehen sich auf die Hegemonie über die Erklärungen von Trauma und deren Theoriebildung sowie auf psychotherapeutische Ansätze für beschädigte Identität.

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Das Wort Opfer, einzeln oder in Zusammensetzungen, kommt uns leicht und locker von den Lippen. Doch was bewirkt dieser Inbegriff von Passivität, von Schlachtung, Folter und Verletzung, von Zufall und gesellschaftlicher Intention, wenn er sich erst einmal in unserem Inneren als Automatismus sedimentiert hat? Und wohin verästelt sich ein solcher Begriff, dass wir seine ursprüngliche Bedeutung nicht mehr bewusst wahrnehmen, obschon er Wirkungen in unserem Unbewussten entfaltet, also Teil unseres Unbewussten wird und hier das Schicksal von Sprache teilt?

Folteropfer ist eine solche Zusammensetzung, und sie wird global täglich mehr als tausendmal benutzt. So auch im Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin, das sich vor längerer Zeit entschlossen hat, den Opferbegriff durch das Wort „Überlebender“ zu ersetzen. Wie schwer diese Umbenennung fällt, davon zeugt der Gebrauch des Begriffs „Folteropfer“, wenn es um Gutachten und Stellungnahmen für Behörden und Gerichte geht. Mit dem Wort „Opfer“ können leichter Affekte ausgelöst werden, wenn es nur nicht die abstumpfende, inflationäre Zunahme von Opfern gäbe: Flutopfer, Erdbebenopfer, Stasi-Opfer, Verkehrsopfer, Verbrechensopfer, Kriegsopfer, Vertreibungsopfer, Scheidungsopfer, Justizopfer, ja Liebesopfer oder allgemein: Krisenopfer usw. Früher soll es auch Menschenopfer gegeben haben. Die modernen Kriege verursachen keine Menschenopfer, sondern Kollateralschäden.  Das Notopfer, z.B. als Briefmarke, weist einen anderen Charakter auf. Es wird gefordert, um eine Krise abzuwenden oder zu mildern und eine gewisse Gleichheit zu suggerieren. Insgesamt lässt sich sagen: Jeder Mensch ist in seinem Leben mehrfach Opfer geworden. Und insofern könnten wir uns als universelle Selbsthilfegruppe organisieren. Dazu wäre allerdings reduktionistisch der alle Opfer verbindende Anteil zu isolieren und zu beschreiben. Eine neue Anthropologie auf der Basis des Opferdaseins scheint einer Hoffnung verbreitenden Entwicklung wohl eher entgegenzustehen. Opfersein hat so etwas Bestimmendes, Endgültiges und Unverrückbares, wenn wir nicht fröhlich sagen könnten, alle Menschen sind Opfer. Aber dazu sind wir nicht bereit, obwohl wir täglich beobachten, dass ein individuelles Gewaltopfer immer auch die Gesellschaft affiziert und durch Identifikation neue Opfer produziert..

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