von Sepp Graessner

Nur schwer lassen sich Begriffsbestimmungen für Resilienz und Wachstum finden. Beide Begriffe sind Metaphern, die auf Prozesse hinter ihren vordergründigen Bedeutungen verweisen. Daher bewegen wir uns auf schlüpfrigem Boden, wenn wir mit diesen Begriffen in die ohnehin unsichere Zone posttraumatischer Befindlichkeiten eindringen möchten und zu Klärungen beitragen wollen.

Man hat sich darauf geeinigt: Wer nicht in wiederkehrenden traumatischen Erinnerungen versinkt, stützt sich, zumindest teilweise, auf eine reaktive Elastizität in Bezug auf erlebte Gewalt und traumatische Bedrohung, die posttraumatisch zur Grundlage für Reifung und Wachstum werden können. Ein solcher Mensch ist damit ein Beispiel für die Richtigkeit des Satzes, dass er/sie aus Schaden klug wurde. Ein trügerischer Satz zwar, der allein die kognitive Seite betont, denn aus Schaden wird jeder zunächst oberflächlich oder in der Tiefe geschädigt. Zugleich aber ein hoffnungsvoller Satz, denn er besagt, dass eine traumatische Schädigung nicht ewig andauern muss, sondern sich wandeln kann, in die Linderung der Symptome, in die Umdeutung der traumatischen Ursachen, ins Vergessen oder die Leugnung. Am Ende wartet auf verarbeitungsbereite Traumatisierte in Gestalt von Klugheit und sozialer Anerkennung sogar eine Belohnung, die keineswegs in einen glücklichen Zustand führt. Niemand wird aus Schaden glücklich. Allerdings werde ich den Verdacht nicht los, dass sich ein Hauptaugenmerk der sozialen Umwelt einer traumatisierten Person auf eben jenes Wachstum der Persönlichkeit richtet, das Stagnation oder Schrumpfung ausschließen lässt. Deshalb stehen für die übrigen traumatisch Betroffenen in aller Dreistigkeit klinische Kategorien bereit. Wachstum ist vermutlich ein Euphemismus, der nichts anderes als Anpassung an die Realität bedeutet; und dies ist in der Tat als Akt der Anerkennung der Realität zu begrüßen. Indem eine traumatisierte Person nicht in der traumatischen Wirklichkeit gefangen bleibt, geht sie auf eine Realität zu, die sie mit anderen (erneut) teilen kann, und lässt dadurch Imaginäres und Illusionäres hinter sich, zugleich jene Vorstellungen, die vor dem Trauma das Verhältnis zur Welt bestimmten. Unter diesen Vorzeichen bedeutet Wachstum einen Verlust, und Verluste tragen im Allgemeinen keine positiven Bedeutungen, sieht man einmal vom Verlust von Dummheit ab. Verliert man aber in Bezug auf traumatische Erlebnisse die Tendenz zur Selbstbeschuldigung, dann ist so etwas wie Reifung vertretbar.

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von Sepp Graessner

 „The current discourse on trauma has systematically

sidelined this social dimension of suffering; instead

it promotes a strongly individualistic focus presenting

trauma as something that happens inside individual

minds.”

(Patrick Bracken 1998)

 Es gehört zum Alltagswissen, dass verstörte, leidende Personen nach einem extremen Trauma auf andere Menschen treffen, die gar nicht oder mehr oder weniger zum Mitleiden befähigt sind. Wenn man Bracken in diesem Sinne versteht, dann läge die soziale Dimension des Leidens im erfahrenen Mitgefühl, in der wahrgenommenen, stützenden Empathie, sicher auch in der kulturellen Bedeutung, die dem Leiden und der leidenden Person beigegeben wird und nicht zuletzt in gemeinsamen Trauer- und Abschiedsritualen. Empathie ist nicht in gleichem Maße in Menschen verteilt. Man muss sie lernen, indem man Spiegelneuronen aktiviert. Die Existenz, Funktion und Bedeutung der Spiegelneuronen sind allerdings eine nicht hinreichend abgesicherte Hypothese. Empathie zeigt sich in hierarchischen (selektiven) Wertungen gegenüber Tieren oder nahen und fernen Mitmenschen. Empathie befähigt nicht nur zu Vorstellungen, wie es in einer traumatisierten Person aussehen könnte, sondern auch zu präventivem Verhalten, weil sie eine auf Zukunft gerichtete intrinsische Dimension, d.h. einen eher unbewussten, evolutionären Zweck aufweist. Jedenfalls verstehe ich den Satz Brackens in diesem Sinne.

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 Teil 2 - Der posttraumatische Symptomenkomplex Übererregtheit

von Sepp Graessner

 Vorbemerkung:

2011 nennt Alain Ehrenberg das DSM-III die Bibel der Diagnostiker. Diese „Seligsprechung“ ist das Resultat einer gläubigen Hinwendung an zeitlose, angeblich universelle Kategorien von Gefühlen, Verletzung, Erinnerung, Erstarrung, Erschrecken und kognitiven Ressourcen wie Gerechtigkeit, Menschenrechte. DSM-IV erlebte dann eine Heiligsprechung. Im kommenden Jahr wird ein noch voluminöseres DSM-V erscheinen. Werden wir dann eine erleuchtende Erscheinung haben? Kann uns diese Aus- und Zurichtung durch Experten zu denken geben, wenn der Glaube jeden Common sense „traumatisch“ überwältigt hat? Kernüberzeugungen („die Welt ist gut.“) und extreme Traumata („dem Tod ins Auge gesehen“) können nicht zugleich für wahr gehalten und geglaubt werden, wie Bolton und Hill urteilen. Eins von beiden wird immer auf der Strecke bleiben, und der resultierende Konflikt bildet den Auftakt zu Symptomen. Sicher, Menschen haben Gefühle, können erstarren, sind zu erinnerten Bildern fähig, auch die Schreckensäußerung und Erregung teilen Menschen. Die Bedeutung, die sie diesen Phänomenen geben, beurteilen Menschen nicht nur graduell in feinen Unterschieden.

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von Sepp Graessner

Vorbemerkung

Dieser Aufsatz wird sich mit der Rolle und der katalogischen Erweiterung von  Risikofaktoren bei der Ausbildung von posttraumatischen Belastungsstörungen befassen. Unter der Annahme, dass es nicht nur eine Belastungsstörung post Trauma gibt, sondern eine farbige Vielfalt, der man ein Etikett anklebt, soll zudem eine Prüfung der Argumente, des dahinter stehenden Gedankengebäudes und der einfließenden Interessen vorgenommen werden. Es ist allgemein anerkannt, dass es zahlreiche Typen posttraumatischer Befindlichkeiten gibt, die posttraumatische Belastungsstörung (als klinische Diagnose) wäre folglich nur eine gravierende davon. Nur letztere darf sich definitionsgemäß im klinischen Kontext entfalten. Jedoch, es drängen sich, seit die Anerkennung dieser Störung eine Verbindung mit materieller Entschädigung eingegangen ist, die meisten posttraumatischen Störungsbilder unaufhaltsam ins öffentliche Bewusstsein, und sie wünschen, die Diagnose PTSD zugesprochen zu bekommen. Sie ist die Voraussetzung für materielle Entschädigungen. Dies liegt nun vermutlich neben kollektiven Gefühlen von Angst und Unsicherheit und neben diffusen Gerechtigkeitsempfindungen an der Ausweitung von Risikofaktoren, die jenseits von einem traumatischen Ereignis die Entwicklung und Ausprägung einer posttraumatischen Belastungsstörung befördern. Die Vermehrung von einflussreichen Faktoren, die PTSD begünstigen, scheint inzwischen das ursprünglich als ursächlich angenommene traumatische Erleben aus ihrem alleinigen Zuständigkeitsbereich zu verdrängen. Es mündet in die berechtigte Frage: Ist das traumatische Ereignis für die Entwicklung der posttraumatischen Symptomcluster allein verantwortlich oder spielen vortraumatische und/oder posttraumatische Risiken eine wesentliche Rolle? Und was ist hiermit eigentlich gewonnen?

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von PTSD-Symptomclustern

von Sepp Graessner

 Zahlreiche Lehrbücher, Studien, populärwissenschaftlichen Publikationen und vor allem Zeitungen legen Wert auf die spezifischen Symptomcluster einer posttraumatischen Belastungsstörung, die nur nach extremen Traumata gleichzeitig, wenn auch mit einer gewissen Latenz auftreten und daher im Umkehrschluss beweisend seien für ein vorausgegangenes Trauma. Die Spezifität möchte ich anzweifeln, indem ich auf einen Prozess verweise, der in allen Gemeinschaften universelle Praxis ist.

Beim Erlernen, Anwenden moralischer Grundsätze, der Bildung von Gewissen, und bei deren Verstößen und Brüchen findet man eben jene Symptomcluster, die angeblich spezifisch für posttraumatische Belastungsstörungen gelten: Intrusionen, d.h. erstens situatives Wiedererleben konflikthafter sozialer Situationen, in denen Moral gelernt und oftmals mit Zwang, Drohung, Strafen über längere Zeiträume eingeübt wurde, und zweitens unwillkürlich einschießende Bilder, die von Emotionen begleitet sind, die jenen ähneln, die sich mit der Prozedur der primären Lernsituation von moralischen Grundsätzen verbunden hatten. Solche Emotionen, z.B. Angst, Lustgewinn aus Anpassungs- und Unterwerfungsbereitschaft, Erregbarkeit, Erniedrigungsgefühle oder Wut, müssen nicht als bewusst erzeugte in Erscheinung treten. Sie können sich aus verborgenen Winkeln, aus Kellergewölben melden. Der Horror des Struwwelpeter zieht an einem vorbei: Jedes Vergehen gegen elterliche Maxime endet in einer veritablen Katastrophe.

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von Sepp Graessner

 Der US-amerikanische Anthropologe Allan Young hat als einsamer Rufer schon 1980 auf die Beziehung von Stressdiskurs und der wissenschaftlichen Reproduktion von allgemeinem Erleben und Wissen hingewiesen. Er hat zugleich, wenn auch nicht in vollem Umfang, die Tendenz von Psychowissenschaften beschrieben, durch kategorische Normen in Alltagswissen Grenzzäune einzuziehen, die im Bereich mentaler und psychischer Befindlichkeiten normal definierte Zustände von pathologischen trennen. Young hat sich in die Reihe der Skeptiker des klinisch angesiedelten Stressdiskurses gestellt und sich damit als Bedenkenträger gegen die posttraumatische Belastungsstörung zu erkennen gegeben. Aus dem einsamen Rufer ist heute ein Kammerorchester geworden, das den seriösen britischen Autor und Psychologen Christopher Brewin dazu veranlasste, die Geltungsmacht posttraumatischer Symptomcluster sowohl bei Befürwortern des Konzepts als auch bei Skeptikern zu sehen. PTSD sei heute keine uneingeschränkt gültige Diagnose. Obwohl Brewin sich zu den Befürwortern (saviors) zählt, räumt er den Argumenten der Skeptiker einen angemessenen Platz ein. Zuvor hatte Young noch erlebt, wie die wissenschaftliche Gemeinde seine Argumente einfach schweigend überging. Saviors und Skeptics ringen nicht um die Anerkennung traumatischer Erlebnisse – die sind unstrittig -, sondern um die breite Klinifizierung der Folgephänomene.

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Rasche Gedanken zu einem Aspekt von Traumapolitik von Sepp Graessner

Immer wieder strande ich bei Überlegungen zu den Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung an den Begriffen der Norm und des Normalen. Ich ereifere mich über Normierungen bei Kindern (ADHS) und will mich nicht abfinden, dass es notwendig sein soll, willkürlich Normales zu bestimmen und Normen des „gesunden Verhaltens“ zu definieren und von pathologischem Verhalten abzugrenzen. Während Industrienormen Konstruktionen erleichtern, kann ich den Sinn im diagnostischen Bereich auf den ersten Blick nicht erkennen. Sobald man aber die drastische Zunahme von pathologisch definierten Abweichungen des Verhaltens in den letzten 15 Jahren betrachtet, kommt einem spontan in den Sinn, hier werden Arbeitsplätze geschaffen. Da Arbeitsplätze zugleich ein Gewinn für Politik darstellen, erfährt die Ausweitung der Diagnosen von dort Unterstützung. Aber reicht diese Erklärung aus? Geht es nicht vielmehr um biopolitische Standards, die latent politisch befürwortete Schuldgefühle in den Bürgern wachrufen sollen, weil diese Schuldgefühle angeblich kreative Motive darstellen? Braucht es nach der Überwindung von Klassenschranken nicht neue Trennschärfe, die nun der Psychiatrie überlassen wird? Und ist die Psychiatrie wirklich geeignet, Grenzlinien in das menschliche Verhalten, vor allem bei Kindern, einzuziehen? Sie kann ja Normen nicht repressiv durchsetzen.

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von Sepp Graessner

Ein schlagendes Beispiel für politische Intervention im Traumafeld ereignete sich im Juli 1999 im US-amerikanischen Congress. Dort wurde einstimmig eine Resolution verabschiedet, die eine Brandmarkung und Verurteilung eines wissenschaftlich ausgewiesenen Artikels zum Thema hatte. Rund zwei Wochen später befand auch der US-Senat einstimmig den wissenschaftlichen Artikel für „severely flawed“. Richard J. McNally, Psychologe an der Harvard-Universität, machte uns 2003 mit den Fakten bekannt. Das Interesse McNallys war es, neben dezenter Empörung zu zeigen, wie kontrovers die damaligen (und heutigen) Erkenntnisse im Traumafeld rezipiert und gesellschaftlich diskutiert werden.

Was war vorausgegangen? Die Autoren Rind, Tromovitch und Bausermann hatten eine Metaanalyse in der Fachzeitschrift „Psychological Bulletin“ veröffentlicht, in der sie ihre Ergebnisse einer Untersuchung von 59 Studien vorstellten, die sich mit Langzeitfolgen nach sexuellem Missbrauch befassten. Danach waren sie zum Urteil gelangt, dass im Vergleich zu nicht missbrauchten Personen diejenigen, die sexuellen Missbrauch in der Kindheit erlitten hatten, nahezu dieselbe Anpassung geleistet hatten. Weniger als 1% der Abweichungen von psychologischer Anpassung waren auf sexuellen Missbrauch in der Kindheit zurückführbar. Das hatte riesige Empörung bis in die Talkshows ausgelöst, sodass sich der Congress zum Handeln aufgefordert sah. Dabei wurde verurteilt und gebrandmarkt statt gefragt. Es hätten sich zahlreiche Fragen angeboten. Sie wurden nicht gestellt. Man hätte z.B. die untersuchten Studien und deren Fragestellungen und Hypothesen unter die Lupe nehmen können, man hätte fragen können, wie viele der für eine Metaanalyse herangezogenen Studien von Männern und wie viele von Frauen angefertigt worden waren und wie die untersuchten Kollektive beschaffen waren. Rind et al. hatten sexuellen Missbrauch explizit verurteilt.

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1.Teil: Vermeidung
von Sepp Graessner


Vorbemerkung

In nicht ganz verbissener Form denke ich über den Katalog der Symptome nach, die sich zur Diagnose: „posttraumatische Belastungsstörung“ verdichten können. Rechthaberei liegt mir fern. Als Rentner kann ich sie mir zwar leisten, mit Rücksicht auf die vielen Praktiker und Praktikerinnen trete ich das Privileg aber bereitwillig ab, nicht aus Bescheidenheit, denn diese führt heute zu nichts, sondern aus guten Gründen. Wer über individuelle Phänomene, die Menschen zu Krankheitssymptomen erklären, nachdenkt, landet eher im tiefen Zweifel als in weiß bekleideter Sicherheit. Wer über den posttraumatischen Symptomkatalog grübelt und nicht andere grübeln lässt und nur Konzeptanwender oder Leser von Beipackzetteln ist, der wird Mühe haben zu urteilen und Zweifel zulassen müssen. Zunächst möchte ich den Begriff Vermeidung, und was er bedeuten mag, durchkneten. Man wird sehen, ob der Teig aufgeht.

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