von Sepp Graessner

 

Viele Jahrzehnte erforscht die Wissenschaft das Phänomen Trauma, indem sie Ursachen und Folgewirkungen in unterschiedlichen Feldern untersucht, was befremdlich erscheint, weil der Fähigkeit zur Gewalt ebenso wie den Wirkungen von Gewalt ein psychischer Prozess zugrunde liegt. Die unbekannte Komplexität aller Faktoren, die Gewalt bedingen und Gewalt hervorbringen und andererseits die terra hemidemisemicognita der Gewaltwirkungen im Menschen, scheint diese Segmentierung nötig zu machen. Hammer und Amboss wird man jedoch weiterhin in einem Feld, in der Schmiede, suchen. Wenn man durch politische Praxis die Gewalt nicht bändigen kann, vertraut man gern auf den psychomedizinischen Komplex, weil er sich auf den Entsorgungsaspekt schrecklicher Ereignisse spezialisiert hat.

Seine Reputation bezieht der Traumabegriff vorrangig aus seiner Funktion als „Gleichmacher“ ersten Ranges, darin sehr ähnlich dem Begriff: Stress, zu dem es natürliche Beziehungen gibt. Vorsätzliches Trauma umfasst Täter und Opfer, Arme und Reiche, Kluge und Dumme, Herren und Knechte, weil alle, indem sie (durch Gewalthandlungen) Qualitäten ihrer Menschlichkeit einbüßen, im psychologischen Sinne Schädigungen aufweisen. Wenn also allein die Verluste und deren psychophysische Folgen fokussiert werden, ist es schwer, die Ursachen nach moralischen Kriterien zu differenzieren. Erst die umschriebenen Folgen von Gewaltakten mobilisieren Fürsorge, Empathie und therapeutische Korrektur, allerdings mit selektivem Blick: hierarchisch gegliedert bringen wir diese Eigenschaften zum Ausdruck und verströmen sie auf z.B. misshandelte Kinder, Geiseln, Soldaten, Bettler, Flüchtlinge (in dieser Reihenfolge). In gewisser Weise ist der Traumabegriff ein Gleichmacher im Unsichtbaren, der besonders auffällig mit der ökonomischen Ungleichheit, d.h. im sichtbaren Bereich, kontrastiert. Den Zugang zu unsichtbaren Prozessen hat die Psychiatrie/Psychologie von religiösen Ritualen übernommen.

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Folter und Gedächtnis - Erinnerungsmedizin gegen den Missbrauch des Gedächtnisses (1999)

von Sepp Graessner

 

 

Kognitive Fähigkeiten  (sind) untrennbar mit einer Lebensgeschichte verflochten, wie ein Weg, der als solcher nicht existiert, sondern durch den Prozeß des Gehens erst entsteht. Daraus folgt, daß meine Auffassung der Kognition nicht darin besteht, daß diese mithilfe von Repräsentationen Probleme löst, sondern daß sie vielmehr in kreativer Weise eine Welt hervorbringt, für die die einzige geforderte Bedingung die ist, daß sie erfolgreiche Handlungen ermöglicht: sie gewährleistet die Fortsetzung der Existenz des betroffenen Systems mit seiner spezifischen Identität.

(F.J. Varela, Kognitionswissenschaft - Kognitionstechnik, S. 110)

 

Es ging niemals ohne Blut, Martern, Opfer ab, wenn der Mensch es nötig hielt, sich ein Gedächtnis zu machen; die schauerlichsten Opfer und Pfänder (wohin die Erstlingsopfer gehören), die widerlichsten Verstümmelungen (zum Beispiel die Kastrationen), die grausamen Ritualformen aller religiösen Kulte (und alle Religionen sind auf dem untersten Grunde Systeme von Grausamkeiten) - alles das hat in jenem Instinkte seinen Ursprung, welcher im Schmerz das mächtigste Hilfsmittel der Mnemonik erriet.

( F. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral II,3)

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        Folter, Misshandlung und zur Funktion von Regression

 

                                      von Sepp Graessner (2005)

 

Vor rund 10 Jahren habe ich den folgenden Beitrag geschrieben. Er hat deshalb nicht an Aktualität eingebüßt, weil die neuen Techniken zur so genannten Bekämpfung innenpolitischer Auflehnungen und Revolten Politiker in vielen Ländern zur Klärung der Frage, was Folter, was Misshandlung und was legitime Gewalt des staatlichen Monopols sei, veranlasst hat. Zu den neuen Techniken zählen solche, die mit Schall- und Mikrowellen oder mit Elektroschockern und Klebstoffen operieren. Ihre Untersuchung in Laboren und eine Freilanderprobung sind weit vorangeschritten und werden von einer Öffentlichkeit kaum beachtet. Terrorattacken weiten sich aus, und der „Krieg gegen den Terror“ wird angeblich reaktiv immer weiter ausgedehnt. Eine Rüstungsspirale ist längst in Gang gekommen, die widerständiges Verhalten einkreist. Die Debatte um Folterungen in Irak und an anderen Orten und die damit verbundene Aufweichung der Kriterien, die Folterhandlungen zu relativieren versuchen, macht eine Neuaufnahme der Diskussion notwendig, die sich nicht allein unter juristischen Experten abspielen darf. Denn es gibt nach meiner Auffassung keine Unterscheidung zwischen Misshandlung und Folter, sieht man einmal vom Status der Täter ab, was für die Folgen bei den betroffenen Opfern kaum Relevanz erzeugt.

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-Skeptische Überlegungen-

 

       von Sepp Graessner

 

 

Trauma und hier vornehmlich das Psychotrauma sollen auf seine Bedeutung, Anwendung, Expansion und Definitionen befragt werden, weil, wie mir scheint, eine ungenaue oder schwammige Beschreibung Raum für unterschiedliche Interessengruppen lässt. Darunter sind sowohl Experten der Erinnerungskultur als auch Psychopharmakologen und Berufsverbände zu verstehen, die als intensiv operierende Lobbyisten das Ohr der Politik verkleistern. (An anderer Stelle habe ich mich zu der Frage geäußert, welcher wissenschaftlichen Disziplin das Psychotrauma „gehöre“ und wer Zugriff fordere: Der Hirnforscher ebenso wie die Kulturwissenschaftler, die Psychiatrie, die Rechtsprechung mit forensischen Gutachten und die Psychologie mit ihren zahlreichen therapeutischen Schulen.) Die Folgen traumatischer Erlebnisse werden hier nicht bestritten. Sie sind so real wie die Tatsache, dass kein Tag dem nächsten gleicht, weder in der allgemeinen Großkonstellation noch in der individuellen Wahrnehmung. Trauma wurde und wird zu einem Gebiet und einer forscherischen Fragestellung, in denen das subjektive Erleben objektiven Kriterien unterworfen wird. Ich habe mich immer gefragt, ob dies überhaupt ohne Willkür möglich ist und ob damit nicht im universalen Maßstab eine Homogenisierung des Subjektiven angestrebt wird, die Vielfalt auszulöschen geneigt ist. Meine Skepsis richtet sich gegen diese Tendenzen, die sich mit einer Unzahl an Büchern und Publikationen zu Wort melden.

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Einige Anmerkungen zu einer Querschnitts- und Längsschnittstudie über die psychosoziale Lage bei Bundeswehr-Soldaten nach Auslandseinsätzen

 

                                                           von Sepp Graessner

 

Zahlreiche Studien zur Epidemiologie, Inzidenz und Prävalenz von posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) bei umschriebenen Gruppen und Risiken scheinen für sich zu sprechen. Ob dies so gerechtfertigt ist und ob Erkenntnisgewinne aus solchen Studien resultieren, ist nicht so eindeutig, weil eine Reihe pathogener Faktoren und Einflüsse, die eine Beziehung zwischen Erlebnissen und diesen Erlebnissen zugeschriebener Folgesymptomatik herstellen könnten,  aus ihren Kontexten genommen und für irrelevant (mit oder ohne manipulative Intention) gehalten werden. Dazu zählen bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr neben persönlichen Motiven und Intentionen der politischen Führung auch individuelle biographische Prägungen, das Verhältnis zu Autoritäten, Drängen von Bündnispartnern, fehlende UN-Beglaubigungen und präzise Aufgabenbeschreibungen, Wandel der Ziele, Unklarheit über die Dauer des Einsatzes (der Afghanistan-Einsatz ist inzwischen doppelt so lang wie II. Weltkrieg) usw. Wenn es um Verstehen von Realität geht, kann man solche Großkontexte nicht beiseite lassen. Auch solche Großkontexte bilden sich im psychischen Erleben und Verarbeiten von Soldaten ab, ja sie bilden oftmals die Leitplanken des Handelns. Vielfach gewinnt man den Eindruck, dass lediglich der enge Kontext personaler Beziehungen prägende Wirkung entfalten kann und nur dieser Kontext Gewissheiten und Motive repräsentiert, die traumatisiert werden können.

 

Als Grundlage dieser Anmerkungen dienen ein Artikel im Deutschen Ärzteblatt (Heft 35-36, Sept. 2012) und die ausführliche Version einer Presseinformation vom 26.11.2013 zur Längsschnittuntersuchung, die als Folgestudie zur vorausgegangenen Querschnittsstudie betrachtet wird. Ferner tritt exemplarisch als Reaktion der Presse die Berliner Zeitung vom 27.11.2013 hinzu. An diese Publikationen richten wir unsere Fragen und Bedenken.

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                                           von Sepp Graessner

 

 „Das Bewusstsein, das der Kranke von seiner Krankheit hat, ist absolut original. Sicher ist nichts so falsch wie der Mythus von der Krankheit, die nichts von selbst weiß; der Abstand zwischen dem Bewusstsein des Arztes und dem des Kranken ermisst sich nicht am Abstand zwischen Kenntnis und Unkenntnis der Krankheit. Es ist nicht so, als stünde der Arzt auf der Seite der Gesundheit, die alles Wissen über die Krankheit besitzt, und der Kranke auf der Seite der Krankheit, die nichts von sich selbst weiß, nicht einmal ihre Existenz. Der Kranke erkennt seine Anomalie und gibt ihr zumindest diese Bedeutung, dass er durch einen unaufhebbaren Unterschied vom Bewusstsein und von der Welt der anderen getrennt ist.“ ( Michel Foucault (1968) Psychologie und Geisteskrankheit. Frankfurt/M. S. 74ff)

 

Zur Klärung: Posttraumatische Störungen sind keine „Geisteskrankheiten“, obwohl sie von Psychiatern, ihren diagnostischen Manualen und Lehrbüchern eingemeindet wurden. Ich sage aus Überzeugung dagegen, dass sich reale posttraumatische Störungen in das psychiatrische und psychologische Denken verirrt haben und zwar in derselben Weise wie heute Sexualität und manche ihrer normabweichenden Spielarten, die hinsichtlich ihrer Erforschung der Soziologie zugeordnet werden sollten. Normen sind keine Naturgesetze, werden leider oft in dieser Weise benutzt. Wo immer Normen im Spiel sind, sollten Entstehungsgeschichte, Gebrauchsverlauf, Zwecke und Interessen sowie die hinter ihnen stehende Philosophie berücksichtigt und befragt werden. Davon kann bei schablonenhafter Anwendung eines Konzepts, das Fast-Food-Psychologie repräsentiert, nicht die Rede sein.

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von Sepp Graessner
 

 Es besteht eine wechselseitige Verschränkung von Integration und Abwehr. Der traumatisierte Mensch kann sowohl integrieren als auch abwehren, Erlebnisse hereinlassen oder sein Inneres schützen und bewahren. Dieser Mensch verfügt also über beide Potenzen. Welche Option er im Angesicht von Bedrohung und Gewalt wählt, hängt nicht von seinem Bewusstsein ab. Er kann wohl auch Anteile des Bedrohungserlebnisses zugleich integrieren als auch abwehren. Beides sind aktive Beschäftigungen mit dem Reiz. Welche Form der Reaktion ergriffen wird, welche Sofortmaßnahmen in Gang gesetzt werden, das entscheidet der ganze Körper, nicht nur das Hirn.

Integration traumatischer Inhalte gilt allgemein als Ziel einer spontanen oder therapeutisch gestützten Bearbeitung. Ist ein Trauma integriert, d.h. von Bewusstsein durchdrungen, verliert es im optimalen Falle seine quälende Wirkung. Integration bedeutet nicht Vergessen oder Verdrängen. Mit der eindeutigen (selten!) Integration traumatischer Erlebnisse kann auch die Abwehr als abgeschlossen betrachtet werden. In welches Bild, in welchen stofflichen Rahmen wird das Erlebnis integriert? Was ist schon als gegeben vorausgesetzt, damit es zur Integration von „Überwältigendem“ fähig ist? Weltbild, Überzeugungen, Persönlichkeit, Identität? Alles zusammen? Hier sind noch viele Fragen ohne überzeugende Antwort, wenn man die unterschiedlichen Phänomene posttraumatischer Befindlichkeiten zugrunde legt. Es sind ja die unterschiedlichen Verläufe von Abwehr und Integration, die zu Fragen Anlass geben. Darunter die Frage, wie viel Bewusstsein eine Integration traumatischer Erlebnisse braucht. Das Geheimnis der vielschichtigen Verläufe posttraumatischer Symptomatiken wird in unterschiedlichen Präformationen gesehen. Es gibt also Menschen, die auf dieselben bedrohlichen äußeren Ereignisse mit differenzierender Integration und Abwehr antworten. Bei einigen Betroffenen scheint das Mischungsverhältnis von Integration und Abwehr eine Ausbildung posttraumatischer Symptome zu vermeiden oder abzuschwächen, während andere von der Wucht der Erlebnisse (als mechanisches Bild) umgeworfen und zur multiplen Symptombildung gedrängt werden. Die Vielfalt der symptomatischen Verläufe scheint einer Homogenisierung in Systematiken zu widersprechen.

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Von Sepp Graessne

Das amerikanische Trauma von My Lai, ein moralisches Trauma, so nennt es „Der Spiegel“. Die Umwertung des Traumas in gesellschaftliche Kategorien, gleichsam körperlos, ist zwar mit Empfindungen verbunden, für die jedoch eine Disposition bestehen muss. Das eigentliche Trauma haben die Überlebenden des vietnamesischen Dorfes und ihre Verwandten erlitten. Von Traumaraub zu sprechen, wäre allerdings etwas übertrieben. Es handelt sich eher um eine Verschiebung.

In der „Psyche“ von Juni 2011 lesen wir „Trauma in China?“ Zwar ist unstrittig, dass die „Kulturrevolution“ zahllose Morde, Demütigungen, Verschleppungen, d.h. Traumata, verursacht hat, das Fragezeichen wirkt also kokett. Die Psychoanalyse dringt im gesamten Heft nach China vor und findet heute interessierte Zuhörer. Traditionelle und kommunistische Auffassungen müssen folglich ausgehebelt und verwandelt werden, wenn eine in der bürgerlichen Welt des Westens verankerte Psychoanalyse nach China exportiert werden soll. Gegen eine Bekanntmachung der jeweiligen Psychosysteme ist sicher nichts einzuwenden. Allerdings ohne missionarischen Drang.

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Von Sepp Graessner

 

Auch die Nervengeflechte des Darms haben bei Menschen eine Fähigkeit zur Wahrnehmung und ein Gedächtnis, vermutlich auch sämtliche Körperzellen, wenn sie mit der Umwelt in Kommunikation treten. Vor allem das Immunsystem kann wahrnehmen und erinnern. Von diesen soll aber hier nicht die Rede sein, sondern von den konstruierten und imaginierten Formen eines cerebralen Gedächtnisses.

Ohne Zweifel sind traumatische Erlebnisse und ihre Persistenz geeignet, das Arbeiten des Gehirns in einigen Parametern zu studieren. Dabei hat der Schritt, unterschiedliche Modalitäten von Gedächtnis anzunehmen, dazu geführt, auch für das traumatische Gedächtnis zwei Wege der neuronalen Fortleitung zu postulieren.

Widersprüchlich zeigen sich Studien von Menschen mit PTSD, die eine Verkleinerung der hippocampalen Volumina nach Ausschüttung von Corticosteroiden im Anschluss an militärische Kampfhandlungen posttraumatisch nachwiesen. Besonders deutlich sei der Effekt der Volumenverminderung, wenn vor den traumatischen Kampfhandlungen des Erwachsenenalters in der Kindheit Missbraucherlebnisse zu eruieren waren. Die Ergebnisse verminderter Hippocampus- Volumina konnten in manchen ähnlichen Studien nicht verifiziert werden. Sie waren freilich in Übereinstimmung mit Tierversuchen. Nun ist aber gerade der Cortisolspiegel bei PTSD-diagnostizierten Personen nachweislich erniedrigt, sodass man nicht von einer verlängerten Phase der Einwirkung von Corticosteroiden auf den Hippocampus sprechen könne, es sei denn, die traumatischen Erlebnisse hätten eine verbrauchende endokrine Wirkung zur Folge gehabt.

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