Seit rund fünf Jahren orientieren sich die Berufsstände der Psychiater und Psychologen und ihre weiblichen Angehörigen am DSM-5, das seit 2013 trotz eines immensen Preises ($ 199-.) sehr oft verkauft wurde.

Es enthält wie seine Vorgänger Symptome und Zeichen. Es enthält keine Krankheitsbezeichnungen mit überzeugender Validität. Aus diesem Grunde wurde, wie Fred C. Alford in seinem Blog berichtet, die Melancholie nicht in die fünfte Ausgabe des DSM aufgenommen. Die Begründung lag in der Feststellung, dass das DSM lediglich Symptomaufstellungen ausbreite und keine Diagnosen stelle, die, wie bei der Melancholie, physiologische Parameter nachzuweisen erlaubte. Alford:“ In other words, it would show the DSM-5 up for what it was: a collection of symptoms that was organized more in accord with the political influence of those who proposed the disorder than with nature“.

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Man muss sehr wohl zwischen traumatischem Erlebnis, traumatischer Erfahrung und der individuellen Vulnerabilität unterscheiden.

Nicht jedes Trauma als Folge eines heftigen Stress weist die Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung auf. Dies gilt vor allem für lange zurückliegende psychische Verletzungen, die zum Zeitpunkt der (übergriffigen, erniedrigenden) Verletzung noch nicht als traumatisch, sondern eher als bedrängend oder lästig wahrgenommen und ins Gedächtnis eingespeist wurden. Hierzu gehört die machtgestützte Herrschaft über den Körper einer abhängigen Person, sei es im Arbeitsleben oder Kindern gegenüber in deren Kindheit. Obwohl und  wenn keine Anzeige nach sexualisierten Übergriffen erfolgt oder keine akuten Symptome auftreten, dann sei die durch die individuelle Biographie entstandene Verletzungsdisposition betroffen, da auch der Körper insgesamt sich ein Gedächtnis von jenem Ereignis gemacht habe.

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Einige kritische Wissenschaftler*innen, die sich seit Jahren mit Trauma und PTSD in den USA und im „Westen“ befassen, sind wie ich (seit 2004) zu der Überzeugung gelangt, dass die Diagnose PTBS wissenschaftlich unhaltbar geworden ist und intellektuell in eine Sackgasse geführt hat.

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Meine Kritiken aus unterschiedlicher Perspektive an der Diagnose PTBS, ihrem Gebrauch, ihrem historischen Auftauchen, ihren politischen Zwecken und ihrer Vervielfältigung habe ich hier formuliert, obwohl mir bewusst war, dass ich dadurch Beifall von unerwünschter Seite erfahren könnte und zugleich diejenigen verärgerte, die mit dem Zugriff zur Diagnose ihren Mandanten und Klienten im öffentlichen Vortrag nützlich sein oder die Sensibilität für das psychosoziale Befinden von Flüchtlingen in der gesellschaftlichen Debatte wecken und verfeinern wollten. Die Diagnose, so die allgemeine Auffassung, sei die (wenn auch unpräzise) Zusammenfassung von Beschreibungen innerer Prozesse von Flüchtlingen und Asylsuchenden, wenn sie nach Gewalterlebnissen in Europa angekommen seien. Mit dieser Diagnose, die aus dem psychiatrischen Arsenal stammt, sei der psychosoziale Status von Flüchtlingen leichter zu verstehen und zu korrigieren. Dieser psychische Status verlange Schutz, Hilfe, Geduld, Geborgenheit und therapeutische Stützung sowie eine Perspektive in einer neuen gesellschaftlichen Umgebung. Dazu verpflichteten die Moral, Menschenrechte und humanitäre Betrachtungen im globalen Kontext. Sowohl Behördenmitarbeiter (BaMF, Ausländerbehörden) als auch Rechtsanwälte in Asylverfahren oder Flüchtlingshelfer haben mich wohl nicht richtig verstanden, wenn sie meine Einlassungen in ihrem Interesse funktionalisierten oder als störend und kontraproduktiv empfanden. Es besteht einfach ein Unterschied zwischen einem wissenschaftlich untauglichen Begriff (PTBS) und dem pragmatischen Gebrauch dieser Störungsbezeichnung, bei dem man sich im Allgemeinen nicht klar macht, dass sie Mystisches und Unerklärliches transportiert.

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                                Great Expectations

 

 Wenn man die Forschungen, die sich auf epigenetische Phänomene beziehen, näher an sich heranlässt, dann kann man sich an Dickens’ Erzählungen erinnert fühlen. Worum geht es dabei? Und warum sollten sie an die „großen Erwartungen“ erinnern? Und wer schürt diese Erwartungen?

Eigentlich geht es um einen durchsichtigen Wurm, an dem unter experimentellen Bedingungen und unter dem Mikroskop beobachtet wurde, dass im Vererbungsprozess nicht nur die DNA von Spermien und Eizellen am Zellteilungsvorgang teilnehmen, sondern auch die umgebenden basischen Aminosäuren, die in ihrer Anordnung ermöglichen, dass ein 160 cm langer Strang von Erbinformationen so gepackt wird, dass er in einen Zellkern passt, wofür so genannte Histone verantwortlich gemacht werden. Epigenome bzw. das Chromatin waren bis vor kurzem in ihrer Bedeutung nicht erkannt worden. Histone bestehen aus basischen Proteinen und sind das die Doppelhelix umgebende Gerüst oder Stützmaterial, das zu wechselseitigen Prozessen fähig ist und anders als Gene der primäre Reaktionsort auf Umweltreize darzustellen scheint. Die Funktion der Methylierung von Histonen wird derzeit intensiv erforscht und steht überwiegend in Beziehung zur epigenetischenInaktivierung von Genen. So kann eine regionale Trimethylierung des Lysinseitenrestes zu einer Kondensierungder Chromatinstruktur in diesem Bereich führen. Dies hat dann eine Inaktivierung der Genexpressiondes auf diesem Abschnitt liegenden Genszur Folge.

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Wiederholt wurde ich gefragt, ob nicht ein bedeutsamer Paradigmenwechsel eingesetzt hätte, als im Jahre 1980 die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) im DSM-III auftauchte.

Die Fragen bezogen sich innerhalb einer diagnostischen Strategie auf die Ursache-Wirkungs-Relation und damit vor allem auf die Methodik.

Wenn ein Mensch einen Fahrradunfall erleidet, dann sind im Allgemeinen die resultierenden Verletzungen (z.B. Frakturen, Desorientierung, Hautabschürfungen usw.) auf den Unfall zurückzuführen. Ursache und Wirkung stehen in einer logisch erscheinenden Beziehung zueinander.

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Die posttraumatische Belastungsstörung, die inzwischen längst das psychiatrische Milieu verlassen und sich in der Alltagskultur niedergelassen hat, war immer und ist aktuell weiter ein rein westliches Konstrukt. Westlich meint in diesem Zusammenhang eine spezifische Wahrnehmung, Bewertung und Beeinflussung von Ereignissen in der Welt und ihre Ablagerung in der (zumeist) individuellen Psyche sowie Redeweisen über diesen Mechanismus, die nicht mit Erklärungen und Beweisen verwechselt werden dürfen. Als westlich kann nicht nur die beschriebene Symptomatologie nach traumatischen Erlebnissen bezeichnet werden. Vielmehr ist auch die empirische Forschung zur Psychotraumatologie ein westliches Projekt, das auf die Aufklärung zurückgeht und bei dem sich Macht, Neugier und Kontrollphantasien innerer Prozesse bemächtigen wollen, die zuvor in die Zuständigkeit der Religion gehörten. Auch heute noch bezieht der Impetus zur Aufklärung posttraumatischer Befindlichkeiten seine moralischen Antriebe aus dem Christentum. Daher ist das Verbreitungsspektrum der PTBS vor allem in den Ländern oder Regionen festzustellen, die christlich geprägt sind oder unfreiwillig geprägt wurden.

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    Kurze Bemerkungen zu Subjekt und Subjektivität

 

 

Der Begriff „Subjekt“ sollte im Bereich des Psychotraumas in seiner unscharfen und relativierenden Bedeutung akzeptiert werden. Jeder Mensch ist Subjekt, ist ein Gewordener, der zahlreiche Einflüsse in sich aufgenommen hat und mit diesen bewussten oder unbewussten Einflüssen, die zumeist mit Sprache einhergehen, sein Handeln vollführt. Er ist nicht erst Subjekt, wenn er über sein Subjekt-Ich nachzudenken beginnt, wie Descartes bestimmte. Subjektivität setzt sich aus einer Fülle verarbeiteter und unverarbeiteter Wahrnehmungen zusammen, die eine jeweils subjektive Realität entstehen lassen, was Dressur oder Disziplinierung zu verhindern suchen. Dabei entspringen nur wenige Handlungen rein kognitiven Impulsen. Mehrere verwandte Realitätsbetrachtungen lassen eine ähnliche rationale und emotionale Methodik des Zugangs zur Realität und zu deren Bewertung annehmen. Wenn im fortgeschrittenen Alter das Denken über das Ich beginnt, können Zweifel an der Doktrin, wonach allein das denkende Ich  existiert, nicht ausbleiben, aber sicher nur, wenn Zweifel auch als konstruktive Öffnung zugelassen werden und nicht, wie bei uns üblich, als „notwendiger“ Zwang zur Definition des Selbstbildes in Erscheinung treten. Das Denken über das Subjekt-Ich und jede externe Macht und Gewalt machen aus dem Selbst ein Objekt. Das könnte durchaus als Kränkung erscheinen, wenn es als schwierig oder unmöglich wahrgenommen wird, aus dem Objektstatus herauszutreten, was bei posttraumatischen Symptomen angenommen wird. Wenn sich der Objektstatus mit negativen und schmerzhaften Erlebnissen anreichert, wird es in der Tat schwer, sich von den handlungsbestimmenden Elementen des Selbst und Objekts zu emanzipieren.

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      Zum traumatischen Gedächtnis

 

Kein Streit im wissenschaftlichen Raum wird so verbittert ausgefochten wie die Kontroverse um das traumatische Gedächtnis, einem Gebiet also, der sich in seiner Arbeitsweise, Lokalisation, seinen Registrierwegen und seinen Äußerungsformen nur spekulativ oder angenähert beurteilen lässt. Ein großer Teil der Kontroverse rührt aus, vermute ich, der unzureichend verstandenen Bedeutung des impliziten Gedächtnisses und der Analogie des traumatischen Gedächtnisses, die vom Schmerzgedächtnis abgeleitet wird. Der Phantomschmerz, der ohne Bewusstsein generiert wird, habe eine Entsprechung im traumatischen Gedächtnis und in den Flashbacks eines traumatischen Geschehens. Während aber der Schmerz ein rein physiologisch-chemischer Prozess ist, tritt beim durchaus schmerzhaften traumatischen Geschehen eine kulturell-gesellschaftliche Komponente hinzu, die das Ereignis als negativ bewertet und abwehren oder vermeiden möchte wie jedes schmerzassoziierte Geschehen, das Unlust erzeugt. Der Schmerz wird im Allgemeinen vergessen; er ist nicht bewusst abrufbar, vielmehr nur präsent, solange chemisch-zelluläre Prozesse ihn fühlbar machen. 

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