Zwölfter Einwurf

 

Angst ist Ursache und Folge von psychosozialen Verletzungen aus allen denkbaren Beziehungen zu anderen Menschen, die durch Abhängigkeit und Machtentäußerungen charakterisiert sind. Angst verteilt sich aber ungleich: Während Angst vor Machtverlust Gewaltspiralen in Gang setzt, ist Angst als Folge von Gewalterfahrungen auf der Seite der Machtarmen oder Ohnmächtigen gebündelt, die durch die Empfindung von Ängsten  in einem Konditionierungsprozess konstant an ihre Ohnmacht erinnert werden und zumeist ein opportunistisches Verhältnis zur Ohnmacht herstellen, indem sie sich an der Angstproduktion gegenüber Anderen oder Fremden beteiligen. Macht und Widerstand gegen Ohnmacht wären damit gleichzusetzen mit der Fähigkeit, Angst zu verursachen. Angst sucht sich Projektionswände, hinter denen sie sich verbergen lässt, wenn sie im aggressiven Gewande auftritt oder aufzutreten sich gedrängt sieht.

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Sepp Graessner

 

Die Mystifikation der/s Vergangenen und der Vergangenheit kann vielfältige Züge annehmen. Während in anderen Kulturen als der westlichen eine gewisse Sicherheit darüber herrscht, dass Ahnen, die verwandten Verstorbenen, die aktuellen Befindlichkeiten und Handlungen direkt beeinflussen, können es im westlichen Verständnis die traumatischen Verluste von Vorfahren sein, die als symptomatische Wirkungen im Inneren der Überlebenden andauern können. Beiden Auffassungen gemeinsam ist die Vorstellung, dass sich, was Menschen heute ausmacht, ihre Betrachtungen auf die Welt und die Dinge, die sie benutzen, auf Menschen, ihr Wissen, ihr Handwerk und ihre Intuition stützen, die vergangen sind. Die Vorfahren sind folglich immer präsent, als direkte oder moralnormative Eingebung oder als entfernter Schmerz oder einfach durch den Gebrauch von Gegenständen. Rituelle Kommunikation mit den Ahnen oder geliebten Menschen und Therapie des Schmerzes über den Verlust von nahen Menschen haben ihre Schnittpunkte im Glauben an die Wirkungen des Unsichtbaren und die Narrative über das Unsichtbare wie alle Religionen und die Psychotraumatologie. Man muss sich vorbereiten und sensibilisieren lassen, um das Unsichtbare zu sehen oder anderweitig wahrzunehmen. Jede/r wird   durch soziale Akte für das genealogische Kontinuum der eigenen Art sensibilisiert, selbst wenn man sich später durch rationale Entscheidungen von den Wirkkräften des/r Vergangenen abwendet. Es erscheint klar, dass ein rationaler Umgang mit Realität nie zu einem vollständigen Urteil werden kann, wenn nicht emotionale Einflüsse, die nicht vollständig sichtbar sind, berücksichtigt werden. An bedeutender Stelle wird dies durch Bezüge zum Vergangenen und zu den Vergangenen deutlich.

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Sepp Graessner

 

 

Prekäre Lebensverhältnisse, Deklassierung, extreme Armut, Obdachlosigkeit, wegelagerndes Betteln als permanente Demütigung können sehr wohl als Folge von traumatischen Erlebnissen in sequentieller Weise verstanden werden, vor allem, wenn die Konfrontation mit Lebensbedrohung als soziale Existenz- und Freiheitsbeschränkung sowie als soziale Vernichtungsandrohung verstanden wird.

Landläufig werden die Folgen zu einer Schuldfrage umgewertet, bei der klar sei, dass die Betroffenen die Schuld tragen, weil sie nicht in der Lage waren, die Ursachen in bürgerlichen Normen zu meistern, sondern durch unerforschte Umstände den Ursachen für die Folgephänomene erlegen sind, ohne sich heroisch dagegen zu stemmen, wie es ihre gesellschaftlich definierte Pflicht gewesen wäre.

Besonders die SPD hat in jüngster Vergangenheit Beispiele dafür geliefert, dass die „Verweigerung“ oder „Vorenthaltung“ von gesellschaftlich „wertvoller Leistung“ prekäre Verhältnisse bewirkt hätte, während die Linke allein mit staatlicher Umverteilung Probleme sozialer Ungleichheiten lösen wolle, die doch, so die allgemeine Ansicht, in der schwachen Persönlichkeit der deklassierten Person liegen. Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor: der Willen zur Leistung, ein Aufstieg zur Arbeiteraristokratie (heute: Mittelschicht), Kampf den Leistungsunwilligen, Bestrafung des „Schmarotzertums“, Kostenrechnungen über Sozialleistungen im Schulalltag usw. Das war die Rhetorik der Ultrarechten am Ende der Weimarer Republik.

         Ich behaupte, dass die Narrative, die zu Deklassierung und extremer Armut vorgetragen werden, sehr viele Schnittpunkte zu willkürlichen Handlungen aufweisen, die in vergleichbarer Weise von traumatisierten Personen angeklagt werden. Die Verbindungslinie dieser zwei Narrative führt auf Erlebnisse mit ungezügelter Macht zu, in Disziplinierungsinstanzen, in staatlichen Institutionen, in der Familie, in bewaffneten Kriegen und wissenschaftlichen Kämpfen.

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     Sepp Graessner

 

Einwürfe sollen einen Ball wieder ins Spiel bringen, der zuvor die definierte Spielfläche seitlich verlassen hat. Einwürfe als Texte und Gedanken wollen gleichfalls ins Spiel einbezogen werden, nachdem sie ins Aus gefallen sind. Wer zuletzt den Ball, den Gedanken oder die Reflexion absichtsvoll oder versehentlich nur berührte, sieht sich einem Einwurf gegenüber.

Unter den politischen Rahmenbedingungen für die Erfindung der Kategorie Psychotrauma und der psychiatrischen Diagnose PTBS mit detailliertem Symptomkatalog durch die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA) sollte nicht übersehen werden, dass die Vorarbeiten und die forcierte Aufnahme der Diagnose in das diagnostische und statistische Manual mentaler Störungen (DSM) nicht nur mit der Endphase des Vietnamkrieges zusammenfielen und massive Auswirkungen auf die Betrachtung psychosozialer Probleme von Veteranen hatten.

Auch in der Konfrontationsphase des  „Kalten Krieges“ traten unterschiedliche Grundansichten über das Wesen des Menschen zu Tage, über moralische Haltungen und die Einflüsse der Politik auf psychische Prozesse. Wir meinen eine Periode, die hinsichtlich der Verhältnisse der Psychiatrie in der Sowjetunion einen Widerwillen, Empörung, ja Ekel bei westlichen Psychiatern erzeugten, die sich überwiegend auf Gerüchte, selten auf exaktes Wissen stützten. Propaganda und Gegenpropaganda sollten den jeweiligen Gegner als inhuman zeigen. In der Sowjetunion hatte die Psychiatrie – vor allem in Kliniken – die Aufgabe, abweichendes Verhalten medikamentös oder durch Wegsperren zu korrigieren oder zu verunmöglichen. Indem auch abweichende Meinungen und Äußerungen gegen die offizielle Linie in psychiatrische Kategorien gefasst wurden, entstand ein Schrecken erzeugendes Strafsystem. Zu den Details erreichten den Westen immer mehr Informationen, sodass sich Initiativen bildeten, die den Missbrauch der Psychiatrie durch den Sowjetstaat anklagend in die Öffentlichkeit trugen. Selbst wenn nicht explizit eine Praxis in Abgrenzung zur sowjetischen Psychiatrie entwickelt werden sollte, so bildeten die Ereignisse, die von Dissidenten berichtet wurden, eine hintergründige Konstellation, die als Motive für die Einführung von PTBS gedeutet werden können. Systemkonkurrenz war dem amerikanischen Kapitalismus ja nicht fremd. „Kommunisten“ waren überall und offiziell präsent, 15 Jahre nach McCarthys Verschwörungstheorien. Real aber waren die Sorgen, die durch die sowjetische Invasion in Afghanistan 1979 ausgelöst wurden.

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Variationen einer Kritik am Konzept der PTBS.

 

 

 

Die Literatur zur posttraumatischen Belastungsstörung ist in ihrer Vielfalt inzwischen unübersehbar geworden. Über 95 % der Publikationen zeigen einen affirmativen Charakter – sie stammen vor allem aus der „westlich geprägten Kultur“ - , 4 % wählen eine angenäherte Position an die Grundannahmen von PTSD und behalten sich skeptische Einwände vor. Lediglich rund 1% der Veröffentlichungen hat eine dezidiert ablehnende Haltung zur diagnostischen Kategorie der posttraumatischen Belastungsstörung und untermauert dies mit Zweifeln und Argumenten. Unter den ablehnenden Stimmen sind Soziologen, Ethnologen, Kulturwissenschaftler und vor allem Pioniere und Praktiker in durch Krieg und Bürgerkrieg verwüsteten Menschen-Landschaften, die vergleichende Feldforschung betreiben und ihre Instrumentarien auf ihre Wirksamkeit und Zuverlässigkeit in anderen Kulturen überprüfen. Man findet kaum Kliniker im euro-amerikanischen Raum, die sich dem mainstream der Eingemeindung in den klinischen und psychiatrischen Korpus widersetzen.

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