Die Forderung steht im Raum: die Forderung von DSM-5 und ICD11 nach einem objektiven traumatischen Ereignis, das die Folgewirkungen für PTBS spezifisch hervorruft. In einer Welt, die kausale Erklärungen für Ursache-Wirkungs-Relationen bevorzugt, kann es durchaus dazu kommen, dass ein ungenügendes Verhältnis von dem verursachenden Ereignis zu den Folgephänomenen hergestellt wird. Menschliche Körper offenbaren kausale Erklärungen, wenn es um den Stich mit einem Messer (Stichwunde) oder dem Schlag mit einem Hammer (Quetschwunde) geht. Bei psychischen oder psychosozialen Verletzungen ist genauso wie bei physischen die Beschaffenheit der vulnerablen Textur von Bedeutung. Das bedeutet, beim Psychotrauma kommen stets zwei Ursachen in Betracht: die Gewalt und die individuelle Verletzungsbiographie und Resilienz als Resonanzkörper , in dem ein traumatisches Echo, das traumatische Gedächtnis, nachwirkt. Dies ist eine Binsenwahrheit, die für die unterschiedlichen Verläufe nach Gewalteinwirkung verantwortlich ist. Unterschiedliche Verläufe beziehen Teilenergien auch aus Verdrängungspotenzen und nach Meinung von Expert*innen aus der Dissoziation.

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                   Schimpfen als Alltagsbewältigung und Zeitvertreib

 

Die mit zahllosen Ängsten verbundene aktuelle Pandemie hat einen großen Vorhang vor die reale Wirklichkeit gezogen, wie es bei vielen Ängsten der Fall ist. Niemand mag die hinter dem Vorhang liegenden Realitäten ansehen, die sich zu den Pandemieängsten addieren würden. Wenn man den Vorhang öffnet, kommen unerwartete und erschreckende Bilder zum Vorschein.

Eins dieser Bilder ist die zerrüttete Verfassung des Staates und ihrer parteipolitischen Helfer. Die Politik hat im Rahmen des Neoliberalismus auf Sparmaßnahmen im Sozialsektor gesetzt (Austerität) und seine kreativen Gestaltungspotenzen in der Besenkammer verrotten lassen. Wenn heute noch etwas kreativ gilt, dann wird es weitgehend von einer und für eine Oligarchie und ihre Denkfabriken gemacht. Der Vorsorgestaat hat ausgedient.

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     „Der Ursprung des Bösen war immer ein Abgrund, den niemand ergründen konnte.“ (Voltaire, 1764)

 

Mit jedem menschlichen Handeln sind emotionale Qualitäten verbunden. Solche Begleitempfindungen können bei Verstößen, wenn sie ein moralisches Gerüst zur Grundlage haben, zu Schuldgefühlen führen. Sie können sich freilich, aktiv böses Handeln unterstellt, zu einem Vernichtungsgedanken und Vernichtungshandeln ausformen, die im Wiederholungsfalle Genuss versprechen, wenn Böses durch Geld, Karriereaussichten und öffentliche Anerkennung belohnt wird. Schuldfragen verbergen sich gern hinter Feinddenken und polemischen Ideologien, damit sie nicht quälen. Böses im öffentlichen Raum wird oft erfolgreich unsichtbar gemacht.

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Eine kurze Zusammenfassung (2010- 2020)

 

Zunächst finde ich ein Lob für die Wiederentdeckung des Psychotraumas, mit dem psychotherapeutische Behandlung begründet und ein innenpolitischer Effekt durch eine Verschiebung von Macht/Gewaltfolgen in den psychiatrischen Korpus erzielt wurde: Psychotrauma wurde zu einer Krankheit und zu einer Ware! Diese beiden Gründe knüpfen an ältere Überlegungen an, die bis zu den Eisenbahnunglücken des 19. Jahrhunderts und zum ersten Weltkrieg zurückreichen.  Heute stellen professionelle Expertinnen Linderung in Aussicht. Nach dem zweiten Weltkrieg orientierte sich mit Verspätung die Psychotherapie an den Beschädigungen von Holocaust-Überlebenden. Wohlmeinende, schuldbewusste und stützende Absichten und der Reparationsgedanke führten zu Entschädigungen und bezweckten ein neues Verständnis von psychosozialen Störungen nach Erlebnissen von Gewalt, Demütigung und Erniedrigung. Die 1980 verordnete Diagnose PTBS schuf somit ein Gegengewicht zu den deterministischen Konzeptionen (Biologisierung, Genetik) der psychischen Erkrankungen seit den 1970er Jahren. Es war folglich die reale Umwelt, die zu biographisch registrierten Psychotraumata von Individuen führte, die durch quälende Symptome in suizidnahes Grübeln münden konnten.

Die sozialen, genetischen, evolutionären und situativen Dispositionen für die Ausbildung von Symptomen sind seit längerem Gegenstand von Forschungen zu den Mechanismen der Resilienz. Die Militärs scharren schon ganz aufgeregt mit ihren Stiefeln. Sie wollen Verluste an Soldaten durch vorbeugende Stärkung der Resilienz vermindern. Grundsätzlich können unterschwellige Kränkungen und Gehorsamforderungen traumatische Wirkungen entfalten und  zu Kumulationen führen, die das Vollbild traumatischer Störungen aufweisen. Im Traumadiskurs ist die Vergangenheit nicht vergangen. Vielmehr kann sie, zuweilen kontextfrei und abstrus, neu modelliert werden. Vergangenheit öffnet sich für aktuelle Deutungen; und das gilt nicht nur für Flüchtlingsdramen, sondern auch für Missbrauch mit sexualisierten Komponenten, Ausbeutung, Vernachlässigung und jede Art von personalen Verlusten an Sicherheit sowie asymmetrische Beziehungen durch Machtmissbrauch.

Als Resultat lässt sich festellen, dass ein ausgedehnter Markt entstand, dessen Funktion in einer Entlastung von Leidenden und last not least in einem Zugriff nach sehr intimen und oft verborgenen individuellen Strategien lag, mit denen Menschen auf eine Realität reagierten: die Magie der Beichte. Religion und invasive Psychotherapie benötigten freilich keine feinen Algorythmen, als noch die Beichte zur entlastenden Reinigung führen sollte.

 

Universelle Maßstäbe

Universelle Maßstäbe posttraumatischer Reaktionsmuster lassen eine kulturelle Konzeption von Verlusten, Trauer, Scham und Verstörung nicht zu. Universalität in den Reaktionen auf Gewalttraumata wird in westlicher Welt in Verbindung zu unteilbaren Menschenrechten konzipiert und bezieht von daher seine im Westen verbreitete Überzeugungskraft. In fernen „Provinzen“ seelischer Befindlichkeit wird mit dem Konzept des psychosozialen Traumas ein Neo-Kolonialismus aktiv, wenn ferne Kulturen mit dem westlichen Verständnis und mit westlich generierter Bedeutung von Verletzungen und Verlusten überwältigt werden. Als Helfer getarnte Kolonialisten erforschen heute das Innere von Indigenen, womit sie im Gegensatz zur  Sklavenverschleppung wenigstens gewisse Gefühle bei Indigenen einräumen, die durch Gewalterlebnisse irritiert und verändert werden können.

                                 Vielfältige Interessen

Mit dem diagnostischen Konzept der posttraumatischen Belastungsstörung haben sich von Anfang an industrielle und versicherungsrechtliche Interessen verknüpft. Ohne die Interessen der Pharmaindustrie an neuen Diagnosen und Märkten ist weder der atemlose Impetus der Forschung zu erklären noch gibt es ohne Zustimmung der Versicherungswirtschaft eine Entschädigung oder ärztliche/psychologische Leistungen oder definierte Störungsbilder als Folge lebensgeschichtlicher Ereignisse. Im Spannungsfeld von Versicherungswirtschaft und Pharmaindustrie/Lobbyismus gelingt es allmählich, das  traumatische Gedächtnis klassischer Prägung („Mir ist ein Leid geschehen, an das ich mich erinnere.“) in eine posttraumatische Belastungsstörung mit klinischen Dimensionen zu transformieren. Das „Making-of“ dieser Transformation in einen gesellschaftlichen und historischen Kontext der „westlich inspirierten“ Psychiatrie wäre eine spezielle Untersuchung wert.

                        Zwecke der Kategorisierung

Kategorisierungen von emotionalen und sozialen Befindlichkeiten nach Gewalttrauma führen linear zu Homogenisierungen, die in Messbarkeit, Abfragbarkeit und Schablonen ihren Ausdruck finden. Heterogene Verarbeitungsmuster erlebter Gewalt werden eingeebnet auf einen Katalog mit Symptomen. Der Fundus der Weltsprache Englisch stellt nur eine bescheidene Auswahl an Begriffen und Bedeutungen bereit. Denn es ist immer die Sprache, durch die Narrative, ihre Deutungen und Bedeutungen, schlussendlich Realität gebildet werden. Ohne Sprache wüssten wir nichts von den inneren Prozessen betroffener Menschen, die Gewalterlebnissen folgen. Wir würden nur unsere eigenen Folgephänomene kennen und wären gezwungen, die Symptomatik von anderen Personen analog aus unseren eigenen zu erklären, zu sammeln und zu kategorisieren.

                                          Resonanz

 Neue Diskurse und Paradigmen können sich nur durchsetzen, wenn sie allgemeine Akzeptanz und Resonanz erfahren und über Propagandisten in den Medien (Fachzeitschriften, Talk-Shows, Spielfilme usw.) verfügen. Dazu benötigen sie fähige Akteure, Durchsetzungsinstanzen, Lehrmeinungen usw., die den komplexen kausalen Zusammenhang von Ursache und nachfolgender Wirkung als äußerst plausibel stützen. Ein neues Licht wird auf Verursacher und Schuldfragen geworfen. Es wird zugleich ein Opfernarrativ gebildet. Inzwischen ist der Traumadiskurs in der Populärkultur angekommen. Ein zentrales Problem ergibt sich aus der Frage nach der allgemeinen bereitwilligen Akzeptanz einer Wirkung, die einen Opferstatus und eine Selbstbeschreibung als Leidender einschließen kann und daher von manchen Menschen dem gewordenen Ich zugerechnet wird. Dahinter mag eine teilregressive Attitüde stehen. Auf jeden Fall lässt sich am Traumadiskurs die Wirkmächtigkeit der Rede über die eigene Verletzlichkeit ablesen. Im Bewusstsein erfahrener Verletzungen kann sich ein an die betroffene Person fixierter Opferstatus ausbilden. Die regressiven Anteile öffnen eine traumatisierte Person für Suggestionen. Diese Beobachtungen finden sich in den Argumentationen der False-Memory-Debatte.

                                          Prognostik

Die klinisch relevanten Störungsbilder betreffen nur eine Minderheit wie bei zahlreichen anderen Krankheiten aus einer gleichen Ursache. Es wird jedoch bei traumatischen Erlebnissen eine Grauzone postuliert, die noch nicht das Vollbild der posttraumatischen Belastungsstörung offenbart (partielle PTBS) oder nach einer mehr oder minder langen Latenz von einer Störung betroffen sein kann („Alles ist möglich. Wer heute noch nicht leidet, wird irgendwann Symptomträger sein, vielleicht nur in sehr versteckter Form.“ Dies war in verwandter Form die Funktion des Orakels. Pythia lässt grüßen.). Es ist die Funktion des Damoklesschwertes, dass es dauerhafte Unsicherheit produziert, weil Vergangenheit eben nie komplett vergangen ist und unter dem Schwert steht jeder Mensch, der im Laufe seines Lebens von Gewalt mit posttraumatisch relevanter Wirkung betroffen ist. Es geht um die Magie der Erinnerung und um den spekulativen Charakter der Prognose,

                                 Fragen an die Prognostik

Hieraus ergeben sich weitere Fragen: wann ist eine therapeutische Intervention einer PTBS abgeschlossen? Wann ist sie ohne Behandlung abgeschlossen? Gibt es überhaupt eine Erwartung an einen Abschluss? Ist die Neuformatierung des traumatischen Kontextes in einen geringer quälenden Zusammenhang (andere Kulisse?) positiv zu bewerten? Lässt sich ein aufgewühltes traumatisches Gedächtnis beruhigen? Das Leiden an traumatischen Erinnerungen ist ein sozialer Prozess. Er kann durch menschliche und dingliche Umwelt jederzeit erneut verstärkt oder gedämpft werden. Zahlreiche Instanzen sind an der Erfindung von Sinnbegründungen beteiligt.

                                 Individuum und Sinnsuche

Individuum und individuelle Fokussierung auf die Folgen von Gewalt enthüllen eine „westlich dominierte“ ethnopsychiatrische Sicht auf Gefühle, Biographien und Verläufe von subjektivem Befinden. In den spezifischen Narrativen von Opfern einer Kette von Gewalterfahrungen werden ein Sinn und eine Begrifflichkeit gesucht und zur Verfügung gestellt, die nur ungenügend das Eigentliche und das Eigene aufnehmen. Es erscheint unsinnig, „das Wesen“ posttraumatischer Befindlichkeiten zu postulieren und zu meinen, man habe es gefunden. Sinn und Bedeutung entspringen aus dem kulturellen Kontext von Kommunikation. Sie können nicht aus diesem Kontext isoliert werden.

                        PTBS – Wissenschaft?

PTSD als klinisch orientierende Kategorie ist lediglich ein evidenter Weg der Annäherung und des Verstehens von Folgezuständen nach extrem verletzenden Erlebnissen. Dieser Ansatz wird fortlaufenden Revisionen unterzogen werden müssen. Er ist kein Dogma und wird sich einer Kritik der Praxis stellen müssen. Eine wohlmeinende und gute Absicht kann zum Anstoß und zur Grundlage von Wissenschaft gemacht werden, eine durch Kriterien gebundene Wissenschaft aber weder konzeptionell noch methodisch ersetzen.

                        Infektiöses Trauma?

Der therapeutische Diskurs, der sich aus der normativen Diagnostik herausschält, behauptet eine „ansteckende kulturelle Struktur, weil er dupliziert und  an Mitbetroffene, Enkelkinder und Ehepartner „vererbt“ werden kann. So haben zum Beispiel die Kinder der zweiten und dritten Generation von Holocaust-Opfern und Überlebenden ihre eigenen Selbsthilfegruppen allein aufgrund der Tatsache, dass ihre Großeltern Opfer des Holocaust waren. Das ist möglich, weil sie von einer symbolischen Struktur – einem Begriff von Geschichte und Identität -  zehren, die es ihnen ermöglicht, ihre Identität als die eines kranken, heilungsbedürftigen Subjekts zu konstituieren“, urteilt die Soziologin Eva Illouz   Wir haben es mit einem traumatischen Gedächtnis zu tun, das scheinbar infektiös wirkt und Kaskaden hormoneller und neuronaler Reaktionen oder psychische Veränderungen transgenerational in Gang setzt. Dies führt zu Erweiterungen des ursprünglichen Traumadiskurses oder zu Sinnentleerungen dessen, was eigentlich gemeint war, als ein unmittelbares Erlebnis von Lebensbedrohung den posttraumatischen Prozess auslösen musste.

                            Abkopplung vom Kontext

Die psychische Verletzung, die als individueller Prozess konzipiert wird, wird von gesellschaftlichen Kontexten abgekoppelt, z.B. der Schutzgewährung, der (unterlassenen) Hilfeleistung oder der unbotmäßigen Widerständigkeit. Eine gesellschaftliche Verantwortung für die von Teilen der Gesellschaft verursachte Gewalt wird unbewusst gemacht, indem allein auf die Folgephänomene nach Gewalt/Willkür fokussiert wird und Scham und Schuld die willkürlichen Ereignisse in den hintersten Keller verbannen, wo kein Licht brennt und Angst hochkriecht. Neue Einordnungen historischer Kontexte tragen zur Unbewusstmachung der Ursprungsszenen bei. Es ist ein unmenschlicher Mechanismus, wenn Traumatisierte ohne Aufenthaltsrecht abgeschoben werden, weil sie jetzt oder später Probleme bereiten, wenn sie si an erlittene Willkür oder Lebensgefahr erinnern. Der Staat taucht in diesem Modell zuweilen als entschädigungspflichtige Instanz auf, wenn wir die fortwirkenden Traumata als Ursache und Ergebnis von staatlichem Handeln festmachen können. Als Staat koppelt er die Schäden, die aus Willkür entstehen, an einen nachzuweisenden Anspruch und an die Präsenz von Symptomen. Er erlaubt dem Traumadiskurs den Einzug in die Gerichtssäle mit Gutachterinnen und  Feuilletons, Talk-Shows und Hörer-Telefone, wo er Akzeptanz auslotet und die normierenden Maßstäbe des therapeutischen Narrativ verfeinert. Der Traumadiskurs hat Entschädigungen in großem Maße ermöglicht, die von den verantwortlichen Institutionen verursacht und vertuscht wurden. Verwaltungsgerichte berücksichtigen traumatische Erlebnisse von Flüchtlingen und Asylsuchenden zwar noch sehr zögerlich. Sie werden aber ihren Beitrag zur Integration von Menschen, die aus Körpern und Psychen bestehen, auf Dauer nicht verweigern können.

         Trotz einer sich ausweitenden Beliebigkeit und Entgrenzung des Begriffs Trauma als Psychotrauma lassen sich für die menschlichen Reaktionen auf politische Willkür und lebensbedrohliche Gewalt gewisse strukturelle Merkmale deskriptiv festhalten.

                            Einige Strukturmerkmale des Traumas

         Es besteht Einigkeit darüber, dass Schrecken, Angst, Hilflosigkeit, Erstarrung, Entwertung und Ungerechtigkeit zu den hervorstechenden Merkmalen der Sofortreaktionen nach traumatischer Einwirkung als beschreibbare Phänomene auftreten. Manche Empfindungen sind spontan fühlbar, andere zeigen sich mit einer gewissen Distanz zum Gewaltereignis. Alle genannten Phänomene sind ein Resultat des durch Stress verursachten vegetativen Chaos.

1)      Das existenziell bedrohliche Ereignis überlebt allein als traumatisches Gedächtnis in der Person, die Gewalt und Lebensbedrohung erlebt hat. Traumatisierte können aus dem traumatischen Gedächtnis ein Narrativ hervorbringen, das allerdings die unmittelbare Erlebnisebene vermissen lässt. Das Narrativ kann allerdings Elemente von Verdrängung und Dissoziation enthalten. Jeder Versuch, in das „gespeicherte“, existenziell bedrohliche Ereignis einzudringen, kollidiert mit Persönlichkeitsrechten und führt zu ethischen Problemen: gegenseitige Exhibition findet nicht statt, sondern allein der Klient blättert sein Innerstes auf, während der Therapeut darin liest und zu Urteilen gelangt. Das ist ein asymmetrisches Verhältnis. Das Unterlegenheitsgefühl des Klienten tritt neben die Nöte, von langfristigen Symptomen befreit  zu werden. Irritierend erscheint die Feststellung, wenn Beobachter einer Willkürhandlung einen traumatischen Prozess für alle involvierten Personen  annehmen: Betroffene, Beobachter, Täter bei interpersoneller Gewalt und Gaffer: primär Traumatisierte, sekundär Berührte, Unberührte.

2)      Als massenhaftes Phänomen überlebt das existenziell bedrohliche Ereignis auch im kollektiven Gedächtnis. Es wird stets in historischen Episoden unter unterschiedlichen Akzentuierungen aktualisiert.

3)Das traumatische Erlebnis kann zu einer symptomatischen Störung im Alltagsverhalten und im Verhältnis zur Welt führen.

4)      Die Verläufe der Störeinflüsse und Störauswirkungen sind vielfältig. Sie entziehen sich einer Normierung. Jede Form der Kategorisierung leugnet innerpsychische Dynamiken und trägt zur Stigmatisierung (Scham, Selbstbeschuldigung und Homogenisierung) bei.  

5)      Die physiologische Reaktion eines Menschen auf extreme Gewalt ist weder richtig noch falsch. Sie ist individuell der persönlichen Entwicklung, den emotionalen Voraussetzungen und kognitiven Fähigkeiten und den posttraumatischen Entlastungschancen durch Umwelt adäquat und unliegt nicht dem Bewusstsein. Warum aber findet  sich eine angemessene physiolpgische Reaktionn auf Gewalt  in einer Psychopathologie wieder?

6)      Inadäquat werden traumatische Erlebnisse, wenn sie durch gesellschaftliche Normen intrapsychisch bearbeitet werden, wenn Betroffene ein sekundäres Begehren, das über das primäre Wiederherstellungs- oder Gesundungsbegehren hinausgeht, verfolgen oder durch gesellschaftliche Reaktionen und Verhalten an der psychosozialen Integration, d.h. Entschärfung, gehindert werden. Die Einsicht in eine massive Ungerechtigkeit bildet den Kern primärer und sekundärer Begehren.

7)      Der Prozess von der angenommenen Überwältigung des psychischen Systems zur anhaltenden Symptombildung muss eher nicht als individueller Vorgang beschrieben werden, sondern als Wechselwirkung zwischen Individuum und gesellschaftlichem Rahmen, der sich personell, kommunikativ, moralisch und ideell zusammensetzt und eine Persönlichkeit sowie Persönlichkeitsschäden erst hervorgebracht hat. Es gibt tatsächlich ein Leben vor dem Trauma. Psychosoziale Gesundheit ist dabei keine Voraussetzung. Kann man in ein extremes Trauma aus vollständiger Gesundheit geraten? Wenn man als Trauma das Ereignis definiert, das einen Menschen in Angst, Hilflosigkeit, Handlungsunfähigkeit versetzt, dann muss man die Frage mit ja beantworten. Die nachfolgenden Symptome kommen aus Ignoranz der Realität durch die betroffene Person zustande oder haben eine längere Vorgeschichte aus Kränkungen und Erniedrigungen und illegitimen Machteinwirkungen, die dem gesellschaftlichen Sittenkodex widersprechen. Sie gestatten im fortgeschrittenen Alter keine vollständige Gesundheit. Vielmehr sind traumatisierte Personen auf dem Weg zu einer Einsicht in Illusionen, was nicht als Resignation etikettiert werden sollte, sondern eher als Realismus.

 

8)      Das größte Problem für symptomreiche und im Verhalten reduzierte oder veränderte Traumatisierte (und Diagnostiker/Therapeuten) stellen die Symptomarmen oder noch mehr die Symptomfreien dar. Aus ihrer Differenz zu den Traumatisierten entsteht der klinische Zugriff auf Symptomreiche, der dadurch der traumatischen Neurose des späten 19. Jahrhunderts eine Renaissance bescheren könnte. Die Differenz entsteht aber erst durch gesellschaftlich beschlossene Normen, in denen sich Bewertungen, wie es sein sollte, was normal sei, niederschlagen. Differenzen ergeben sich auch, indem Komorbiditäten begründet wurden und als gesteigerte Symptomatik (z.B. komplexe PTBS) zusätzliche Diagnosen gestatten. Da jedoch für die Vergabe der Diagnose PTBS nur zwei oder drei Symptome innerhalb eines bestimmten Zeitraumes aus den angebotenen Kategorien des Katalogs berichtet werden müssen, wird stets eine gewisse Unsicherheit und Subjektivität resultieren, da objektive Kriterien oder Parameter fehlen.

9)      Die beiden zentralen Wege als Reaktionen auf Realität und bedrohliche Gewalt sind Angst und/oder Depression. Nun hat die APA eine neue abgrenzende Entität definieren wollen, die PTBS, deren deskriptive Symptomatik keineswegs spezifisch für diese Entität gelten dürfte. Angst/Depression haben schon seit längerem einen zugeordneten Katalog an Symptomen, die nicht von der PTBS abweichen. Man muss nur einmal genau hinschauen.

 

10)    Wenn von landläufiger Überwältigung des psychischen Apparats die Rede ist, sollte erläutert werden, was denn im Detail überwältigt wird.

Ist es die Psyche als biographisches Ergebnis der vorausgegangenen Lebens, sind es unveräußerliche Persönlichkeitsmerkmale, handelt es sich um das Vertrauen in Sicherheitsversprechen, sind es Symbole, handelt es sich um Bemühungen der Anpassung? Geht es um biologische Faktoren oder kulturelle? Um emotionale und/oder kognitive Anteile? Allgemeine Beschreibungen innerer Prozesse wirken unpräzise, äußern Vermutungen.

 

                                      Kausalität

Sämtliche Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung können, wie wir a.a.O. gezeigt haben, bei anderen psychischen Syndromen ebenso auftreten wie bei jedem Menschen ohne traumatisches Erleben, wenn er sich ein Gewissen ohne Zwang entwickelt hat. Einige Symptome äußern sich im psychosozialen Milieu und Gewand. Sie können Gegenstand von empirischer Forschung werden. Andere Symptome können sich indirekt erschließen lassen. Wiederum andere sind aus Narrativen interpretierend zu folgern. Der Rest der kardinalen Symptome (Intrusionen) entzieht sich wissenschaftlicher Beforschung. Dieser Rest muss mit der üblichen Fehlerbreite des Gedächtnisses berichtet werden, setzt einen aktiven Entschluss und ein Interesse voraus  und unterliegt über längere Zeiträume der situativen Konstruktion des Gedächtnisses.

Daraus resultiert die Schlussfolgerung: Allein das so genannte traumatische Ereignis steht am Anfang und als Ursache der posttraumatischen Symptomatik. Wegen der Kausalität, die bestimmt, dass ein Ereignis für nachfolgende Symptome verantwortlich ist, braucht man keine Theorie. Da reicht Beobachtung und Logik. Der US-amerikanische Pragmatismus, der sich nicht gern mit theoretischen Erwägungen aufhält, kommt erleichtert ohne Theorie aus. Der Zusammenhang liegt scheinbar klar auf der Hand. Es handele sich um ein Ereignis, das massiv in eine betroffene Person eindringt und ihre Bewältigungskompetenzen übersteigt. Das ist ein sehr mechanistisches Bild. Dafür ist der „traumatische“ Stress verantwortlich, der sich definitionsgemäß von anderen Varianten des Stress (Arbeit, Verkehr, Beziehung usw.) unterscheidet, wie durch Erklärungen von beobachtenden Experten am grünen Tisch festgelegt wurde. Unter allen Auslösern für posttraumatisches Leiden war, wie an Soldaten der Weltkriege und speziell des Vietnamkrieges erfasst wurde, die Todesnähe und Konfrontation mit dem eigenen und/oder fremden Tod das entscheidende Merkmal für die Entwicklung nachfolgender Symptome. Die psychotherapeutische Behandlung von Holocaust-Überlebenden hatte bereits vor dem Ende des Vietnamkrieges das extreme traumatische Ereignis oder die Summe wiederholter und kontinuierlicher traumatischer Erlebnisse als psychosoziale Störung oder entschädigungspflichtige Krankheit bestimmt. Die heute zu bemerkende Ausdehnung der posttraumatischen Belastungsstörung hatte sich die ursprünglichen  psychogesundheitlichen Beeinträchtigungen von Holocaust-Überlebenden angeeignet und damit zu einer Relativierung beigetragen, indem alle Traumatisierten in einem Zirkelschluss als Überlebende charakterisiert wurden.

                                               Probleme

Entscheidend im gesellschaftlichen Diskurs war die subjektive Selbstwahrnehmung, der man bedingungslos vertrauen musste, während große Teile der Umwelt mit Misstrauen betrachtet werden. In Verbindung mit dem Diskurs erhielt das Subjekt zusätzliche Argumente zu Rechten und psychologischen Betrachtungsweisen. Im erweiterten Diskurs entstand durch ökonomisch motivierte Einflüsse ein Markt. Dadurch  konnten vielfältige therapeutische Phänomene des Psychotraumas sich konkurrierend ausbreiten. Workshops und weiterbildende Schulen schufen neben den obligatorischen Supervisionen Märkte für Wissensverbreitung und Wissensaustausch. Der Diagnose PTBS mangelt es an wissenschaftlicher Statur. Ihre Bedeutung erfährt sie, weil sie einen Begriff für Leiden darstellt. Es ist sicher praktisch im Umgang mit psychisch Verletzten, die PTBS beizubehalten, wenn es um offizielle Beurteilungen geht.

Der Traumadiskurs ist im Wesentlichen ein wohlpräparierter Therapiediskurs, der unterschiedliche Formen von Empathie bei ExpertInnen, Freunden, Verwandten herausfordert, denn es geht um das Leiden von Traumatisierten, die mit Wahrheit und Wirksamkeit beanspruchenden Schulmeinungen konfrontiert werden. Beide Diskurse haben sich vielfältig aufgefächert in Fachgebiete, Schulen bzw. Anwendungen und Narrative, welche die Übersicht erschweren, weil das ursprünglich thematisierte Trauma sich weitgehend populistisch zerfaserte.

Irritierend war seit dem Auftauchen der Diagnose PTBS die Feststellung, dass  nunmehr Soldaten in Vietnam einen psychosozialen Opferstatus zugeschrieben bekamen, der ihre Täterrolle und ihre angstbedingte Aggressionsausbrüche sowie die Verantwortung der Politik verbarg. Der gesamte Komplex wurde ohne eine Klärung der Frage der Kontamination in den zivilen Sektor transformiert. Die Frauenbewegung war daran an hervorragender Stelle beteiligt. Indem ein spezieller Stress als traumatischer Stress benannt wurde, konnten die Folgephänomene als Störung definiert werden. Dies geschah auf Druck der USA in der Weltgesundheitsorganisation und bei Amerikanischen Vereinigung der Psychiater (APA). Behandlung von Psychotraumata ist seither zu einer Gelddruckmaschine für einige Expertinnen geworden, denen eine kritisch-theoretische Arbeit abgenommen wurde.

.Die Rede über Vulnerabilität, traumatisches Leiden und dysfunktionale Selbstbeschreibung hat trotz der Tatsache, dass der Traumadiskurs in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, noch zu keinem Wandel in den interpersonellen Begegnungen geführt, d.h. zu einem erkennbarem Rückgang an Macht/Gewalt und beschädigter Integrität. Es stehen zu viele Interessen gegen den Wandel.

 

Jede/r kann die Perspektive auf die kritische Betrachtung des gesellschaftlichen Traumabegriffs mit großen oder kleinen Schritten erweitern und zu Korrekturen beitragen. Dazu möchte ich die Felder der Literatur, Soziologie, Geschichte, des Rechts, der Philosophie, Anthropologie, vor allen die sozialen Neurowissenschaften ermutigen.

 

Bis in die Radionachrichten dringen Meldungen vor, die von einem vermehrten Behandlungsbedarf künden, der Veteranen des Afghanistan-Krieges betrifft, nachdem sie die chaotischen Szenen am Kabuler Flughafen gesehen haben. Die Bilder hätten „Retraumatisierungen“ ausgelöst. Diese Bezeichnung verweist auf einen falschen Gebrauch des Begriffs Retraumatisierung. Man könnte allenfalls von einer Aktualisierung von Angst sprechen. Aber auch diese essen Seele auf.

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