Gibt es eine plausible Beziehung von geschichtlichen Kräften des Neoliberalismus und seinen Wirkungen zur  individuellen Psyche? Man ist selbstverständlich versucht, diese Frage mit ja zu beantworten. Warum denn sonst sollte eine neue von der Ökonomie ausgehende Ideologie sich ausbreiten, wenn sie nicht, wie jede reale Wahrnehmung, die Psyche der Individuen erreichen und verändern wollte? Und wenn diese neue Ideologie mit direkter oder indirekter Gewalt zusammengeht, können auch Traumata resultieren. Spekulative Überlegungen machen hintergründiges Vergnügen, können jedoch auch erschüttern.

 

Mit Thatcher und Reagan bereitete sich die neoliberale ökonomische Rationalität auf ihr globales Zerstörungswerk vor, obwohl zu Beginn ihrer Regentschaft ihr Programm eher nur in einer Ausdehnung des freien Marktes lag. Aber dann legte der Neoliberalismus, angefacht durch den Zusammenbruch des realen Sozialismus, erst richtig los und zudem angetrieben von einer Geringschätzung staatlicher Wohlfahrt und Regulierung der Wirtschaft durch hinderliche Gesetze.

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„PTSD continues to serve a political purpose.“      (  Blog Fred C. Alford zu Trauma und PTSD, Januar 2017)

 

Zur posttraumatischen Belastungsstörung, zur somatischen Symptom-Störung (SSD) oder heute: somatische Belastungsstörung sowie weiteren seitenfüllenden Diagnosen im DSM-5, die mit Definitionen als Entdeckungen auftauchen, aber in dialektischer Weise wohl eher die Entdecker definieren, sollen hier einige Überlegungen ausgebreitet werden, die mich ins Grübeln versetzt haben. Besonders die SSD nimmt eine Stellung im DSM ein, die methodisch und von der Zuordnung etliche Fragen aufwirft. Es geht bei etlichen Diagnosen im DSM-5 um Sachverhalte, die scheinbar auf der Hand liegen und daher keinen Zweifel zulassen. Und was auf der Hand liegt, kann nicht nur von Zauberern zum Verschwinden gebracht werden. Manchmal reicht genaues Beobachten und das Befragen von Begriffen.

Beginnen wir mit einem Ausschnitt aus einem Abstract von 9 Autor*innen: It... (somatic symptom disorder, S.G.) „defines the disorder on the basis of persistent somatic symptoms associated with disproportionate thoughts, feelings, and behaviors related to these symptoms.“ Folgende Autor*innen, von denen ein Großteil aus dem biostatistischen Hause stammt, übernehmen die Verantwortung:

Dimsdale JE, Creed F, Escobar J, Sharpe M, Wulsin L, Barsky A, Lee S, Irwin MR, Levenson J. schreiben dies in ihrem 2013 veröffentlichten Artikel „Somatic symptom disorder: an important change in DSM“. (Journal of Psychosomatic Research, 75 (3) S. 223-228.)   

      Hier wird ziemlich wörtlich übernommen, was Robert L. Spitzer 38 Jahre zuvor im American Journal of Psychiatry 1975 132:11, 1187-1192 in einem Aufsatz:„Clinical criteria for psychiatric diagnosis and DSM-III“ formuliert hatte, wenn auch in einem anderen Zusammenhang und wohl auch zu einem anderen Zweck. Er meinte u.a. auch PTSD, der er eine somatische Grundlage/Folge unterstellte. Er schrieb:

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Im folgenden Einwurf sollen nochmals die Entwicklung und phänomenale Ausbreitung des Traumadiskurses und der beteiligten Akteure anhand von Stichwörtern wie Rhizom, Netzwerke und Theoriebildung skizziert und in seinen diagnostischen und politisch-moralischen Implikationen lediglich kursorisch behandelt werden und vielleicht als Anregung dienen.

Die Theoriebildung wurde bei der Veröffentlichung des DSM-III bewusst vernachlässigt, als sich der moderne Traumadiskurs, der über rund 10 Jahre  eine Verbindung von Vietnamkrieg und dem Leiden der Veteranen herzustellen bemüht war, als „Wahrheit“ sich durchgesetzt hatte und neue Betrachtungen auf Opfer, Gewalt und vor allem auf die Folgen von willkürlich verursachten psychischen Verletzungen ermöglichen sollte und dies auch erreichte. Indem Symptome der Veteranen phänomenologisch beschrieben wurden, die sich dann zu einer Diagnose etikettierend verdichteten, konnte zwangsläufig auf eine Theorie verzichtet werden. Die innere und logisch wirkende Beziehung schien auf der Hand zu liegen: Die überfordernde Wahrnehmung von Gewalt und Lebensbedrohung bewirkte bei nahezu jedem Betroffenen akute oder chronische Symptome.

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Die sozialen Bewegungen der reaktionären Rechten saugen nicht nur die Ausdrucksformen der linken Protestbewegungen auf – vor fünfundzwanzig Jahren hielten sie sich noch schamhaft in Sälen auf, heute machen sie Sit-ins, organisieren Begehren als „Volksbegehren“, provozieren in grober wahrheitswidriger Weise und gehen gegen die Eliten auf die Straßen – sie stilisieren sich ergänzend auch als Opfer, die von einer bestimmten politischen Kaste und den „Fremden“ produziert werden, die, so hört man aus reaktionären Kreisen, über kein Bewusstsein der Bedeutung von Rasse, Reinheit und Rausschmiss verfügen.

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                                  Sepp Graessner

 

Rufen wir uns noch einmal ein Statement aus der Frankfurter Rundschau vom 23.11.1993 in Erinnerung. Da hieß es klug und weitsichtig vor 25 Jahren:

 

„Für jeden Menschen gilt, was Folterüberlebende im Exil in besonderem Maße betrifft: Entwurzelung und Orientierungsmangel, Sinnkrise und Zerfall der vormals organischen, natürlichen Gemeinschaften, erzwungene Mündigkeit angesichts von allzu vielen verschwommenen Optionen, all dies sind geschichtliche Kräfte, die der einzelne auch als persönliches Problem erfährt, deren Ursachen jedoch nicht primär in seiner individuellen Biographie liegen, sondern dieser vielmehr in umgekehrter Weise den Rahmen vorzeichnen.“

       

Bei Überlegungen zum Kern von Traumata sollten wir uns auf die im Zitat angesprochenen „geschichtlichen Kräfte“ einlassen, da von diesen geschichtlichen Kräften Motive und Handlungen ausgehen und begründet werden, die Wenige in Behaglichkeit, sehr viele aber in traumatisches Leiden führen. Diese geschichtlichen Kräfte liegen bis auf sehr geringe Ausnahmen nicht in der individuellen Biographie, sondern sie bilden den mit repressiven Maßnahmen ausgestatteten (staatlichen) Rahmen, in dem alltägliche und besondere Erlebnisse ausgehalten und bearbeitet werden müssen, und zwar ohne Einwilligung des Einzelnen und ohne seine unmittelbare Verantwortung. In diesem Rahmen, den wir leichtfertig Freiheit nennen, kommt es im Laufe der individuellen Entwicklung zur Begegnung mit Ressourcen der Bewältigung von alltäglichen und speziellen Stressoren; d.h. die Summe der Ressourcen ist nicht nur eingeengt, sondern auch unterschiedlich verteilt, weil es große und kleine, eiserne, goldene und hölzerne oder papierene Rahmen gibt, die den Spiel- und Leidensraum begrenzen.

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                                  vonSepp Graessner

 

Ich muss wohl noch einmal von vorne beginnen bei meinen Überlegungen zum Thema Trauma und einige Bemerkungen in Frage stellen. Immer wieder habe ich versucht, eine Definition von Trauma vorzulegen, was heute eher als unzureichend, ja unlogisch gelten muss. Die klinische Diagnose PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) habe ich in ihrer Brauchbarkeit, wie ich glaube, hinsichtlich des wissenschaftlich verwendeten Begriffs PTBS (oder komplexe PTBS) zu Recht heftig kritisiert. Was wohl falsch war, waren meine Bemühungen, mit sprachlichen Mitteln eine Definition von inneren Prozessen nach traumatisierenden Erlebnissen zu formulieren. Man kann einfach nicht einerseits behaupten, dass Traumata, d.h. posttraumatische (besser: poststressige) Verläufe extrem unterschiedlich verlaufen und an- und  abschwellen und andererseits eine Definition von Trauma aufstellen, welche die Differenzen nivelliert. Trauma ist Leiden, und Menschen können auf vielfältige Weise leiden. Man kann natürlich aus Erfahrung auslösende Konstellationen für innere traumatische Prozesse beschreiben, man wird aber nicht darum herumkommen, den Auslöser von den Folgen zu trennen, und nur die Folgen bestimmter Erlebnisse soll man Trauma nennen. Der oder die Auslöser heißen Stress, und es ist durch willkürliche Expertenmeinungen festgelegt, dass sich traumatischer Stress von gewöhnlichem Stress unterscheidet. Sprachliche Definitionen von psychischen Befunden und Verläufen sind zudem anmaßend, weil sie eine unüberbrückbare Kluft zwischen der Sprachlosigkeit der Leidenden und der Sprachmacht nichtbetroffener Therapeuten unterstellen.

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Immer wieder frage ich, was das psychische Trauma in unserer Zeit zu einem Schlüsselbegriff des individuellen und kollektiven Selbstverständnisses gemacht hat und was der Kern ist, der sich so großer Akzeptanz und Popularität in Diagnostik, Therapie und Kultur erfreut. Alle Elemente des Lebens werden in der Moderne psychologisiert: Politik, Ökonomie, Kunst, Sport, und vieles mehr, mit einem Wort: die Existenz des Menschen, seine Hindernisse und Verletzungen. Durch die Erfindung des Psychotraumas hat die Psychologie eine Aufladung oder Erhöhung erfahren, ohne transparente Eindeutigkeit zu gewährleisten; darin ähnlich intransparent wie die Religionen. Eindeutigkeit zu erlangen, ist mit Sprache sowieso nicht möglich. Wer immer in Regionen der Psychologie Antworten auf Probleme unserer Zeit sucht, lenkt sich von der Analyse ökonomisch-kapitalistischer Strukturen und der im Verborgenen agierenden Macht ab.

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     Vierzehnter Einwurf

 

          Sepp Graessner

 

Im Thieme-Verlagsmagazin (Archiv 2016) findet sich eine Besprechung der Forschungsergebnisse einer Forschergruppe um Frau Professor Anke Ehlers in Oxford/UK. Die Forschungen bezogen sich auf Risikofaktoren, die eine Ausbildung einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression begünstigen können und voraussagen lassen. Konkret richtete sich das Interesse auf so genannte Denkmuster. Diese Muster beziehen sich folglich in meinem Verständnis auf die Betrachtung der Stellung einer traumatisierten Person in der Welt (Realität) und darauf, welchen Stellenwert ein traumatisches Erlebnis und seine unmittelbaren reaktiven Affekte einnehmen. Beim Auftauchen von posttraumatischen Symptomen treten die Denkmuster einer traumatisierten Person mit denen Nichttraumatisierter in Beziehung und in Konflikte.

In verstärktem Maße beziehen sich Forschungen auf Risikofaktoren, deren Beherrschung durch präventive Maßnahmen eine länger währende posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder Depression zu vermeiden oder abzumildern in der Lage sei. Aus dieser Tendenz lässt sich auch ein besonderes Interesse des militärischen Komplexes ableiten, der zunehmend Ausfälle für Kampfeinsätze durch posttraumatische Störungen registriert und sich um die nachfolgenden Invaliditätsrenten sorgt.

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von Sepp Graessner

 

 

Vorrede:

 

Der Begriff des Psychotraumas hat sich zahlreiche Anwendungspraktiken erobert (warum gibt es noch keine Trauma-App?), ohne dass man einen Hauptakteur für solche „Eroberungen“ benennen könnte, wie es für viele Begriffe aus kulturellen Vereinbarungen gilt, die sich aus Narrativen, Technologien und Praktiken und sicher auch aus moralischen Erwägungen komponieren lassen. Das bedeutet, der Begriff hat soziale Wurzeln und einen sozialen Gebrauch, ja, die wissenschaftliche Erforschung erfolgt gleichfalls in sozial strukturierten Bezügen. Der Zeitpunkt der Begriffsbildung und die Zeitströmungen in der Mitte der 1970er Jahre lassen jedoch eine bewusste Inszenierung annehmen, weil der Eindruck einer Neuerfindung erweckt wurde und relativ wenig Bezug auf die Vordenker genommen wurde. Das Psychotrauma hatte es zweifellos schon immer gegeben, aber erst im Jahre 1980 wurde es der Bedeutungslosigkeit entrissen und mit klinischen und diagnostischen Mitteln an vielfältige Praktiken überwiesen.

Im Zentrum der Expansion des Begriffs und der Praktiken steht der anonyme Markt, an dem sich viele Akteure versammeln, die zuweilen Angebote zur Schau stellen, für die erst eine Nachfrage geweckt werden muss. Sollte es Akteure und Regisseure (US-Regierung, Task Force mit ihrem Chef Robert Spitzer?) bei der „Entdeckung“ des Psychotraumas gegeben haben, so müsste eine historische Untersuchung über die Wiederentdeckung und die Begriffsentwicklung des Traumas Auskunft geben können. Die atemlose Eroberungslust des Traumabegriffs erklärt sich nach meiner Beobachtung aus der Verbindung von common sense, der uralten populären Wahrnehmung reaktiv belastender bis quälender Gefühle und der „wissenschaftlich“ abgesegneten Aufnahme in den psychomedizinischen Kanon. Diese Verbindung erlaubte zahlreiche Spekulationen, die sich auf positiv bewertete Motive stützen, weil Mitgefühl, Wohlwollen und Unterstützungsbereitschaft, also primäre menschliche Regungen durch Gewalterlebnisse angesprochen wurden und zur Entäußerung drängten. Was der erste und zweite Weltkrieg nicht schafften, ermöglichten der Krieg in Vietnam und seine US-Veteranen und parallel dazu die internationale Frauenbewegung.

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