Ein Versuch

 

Ein Kontinuum ist in diesen Überlegungen kein technisches Problem, das auftritt, wenn man die Intensitäten von Gewalt/Macht graphisch veranschaulicht. Es handelt sich folglich nicht um eine alternative Systematik. Es ist in erster Linie eine andere Betrachtung psychosozialen Befindens als verwobenes Resultat eines lebendigen Lebens, zu dem alle erinnerten oder verdrängten negativen Erlebnisse gehören.

Als zentrale Wirkung eines extremen Gewalttraumas ist die nachhaltige Demütigung anzusehen, die wie ein Maulwurf oftmals die zukünftigen Handlungsoptionen aushöhlt. Wenn man von extremer Demütigung spricht, dann impliziert dies weniger extreme Varianten, die über längere Dauer zu kumulativen Wirkungen führen können und das Muster bilden, in das eine extreme Demütigung  eingepasst wird. Integrieren, d.h. Einpassen und Abgleichen, bedeutet aber nicht zwangsläufig Verstehen.

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         Vom Spiel der Argumente im interessegeleiteten Wissenschaftsbetrieb

 

Das Leiden an politischer und rassistischer Verfolgung und Lebensbedrohung ist in den Fokus der epigenetischen Forschung geraten. Mit spannungsgeladener Erwartung erhofft sich ein kleiner Teil der psychotherapeutisch Tätigen Belege für die These, dass extreme Traumata, wenn sie sich über lange Perioden hinziehen, in einem Prozess epigenetischer Methylierung zu einer Vererbung auf die folgende Generation führen (können), indem spezifische Genexpressionen in ihrer phänomenologischen Funktion gebremst, stimuliert oder ausgeschaltet werden. Extreme Traumata würden dadurch ein lebenslanges Brandzeichen erreichen, das durch Genetik vererbt werden könne. Die Linderungsstrategien durch Psychotherapie würden begrenzt ausfallen, weil die zentrale Phänomenologie des Leidens determiniert sei und das geheime Leben des Traumas verborgen bliebe.

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                                 Endgültige Erkenntnis muss warten lernen

 

Kürzlich wollte ich von einem Kommunikationswissenschaftler wissen, welches seine Position zur Frage sei, ob biologische oder kommunikative Gründe im Vordergrund stünden, wenn es um die Einflüsse traumatischer Erlebnisse von einer Generation auf die folgende ginge. Er überlegte kurz, dann entwand sich ihm ein Seufzer: Zwei sehr unterschiedliche wissenschaftliche Felder mit unterschiedlicher Methodik durchbohren den Berg der Unkenntnis wie Tunnelbauer aus entgegengesetzten Richtungen, treffen sich jedoch nicht, meinte er pathetisch. Die Felder sind keine Konkurrenten, können es gar nicht sein; die Konkurrenz spielt sich innerhalb der Felder ab. Kritik kann nur aus demselben Feld und mit denselben Methoden geäußert werden. Der Bäcker kann den Schuster nicht kritisieren, weil er Lederwaren statt Teigprodukte herstellt, was Chaplin in „Goldrausch“ widerlegt.

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                                      Kurze Zusammenfassung

 

Posttraumatische Belastungsstörungen zeigen kein einheitliches Symptomenbild. Sie tragen eine geschichtliche Dimension der unterschiedlichen Einflussnahme in sich, wenn man die zurückliegenden 150 Jahre betrachtet. Viele Interessenten haben an der heutigen Bedeutung geschraubt, deren Ziel einer Sensibilisierung für Gewaltfolgen als missglückt bezeichnet werden muss. Die Diagnose wurde erst 1980 öffentlich, hatte aber zuvor schon so manchen Experten zu Erklärungen bewegt. Hier werden einige eigennützige und uneigennützige Geburtshelfer angeführt, bis es zur Geburt der Diagnose PTBS kam. Das, was wir heute darunter zu verstehen glauben, ist in den vergangenen Jahren mit einer verwirrenden Vielfalt von Beschreibungs- und Erklärungsversuchen versehen worden. Die psychischen Befinden von gekränkten und verletzten Menschen sind durch ihre Mehrdeutigkeit zu einem begehrten Feld der interpretierenden Wühlarbeit geworden. Aus den unterschiedlichen Deutungen resultieren zahlreiche therapeutische Schulen und im Bereich von Verwaltungen lassen sich bürokratischen Verkürzungen und Homogenisierungen psychischer Prozesse ausmachen, der letzten und ewigen terra incognita, in der Goldgräberstimmung herrscht. Diese wird durch keine künstliche Intelligenz erobert werden können. Unbezweifelt ist heute die Feststellung, dass Erlebnisse von Realität zu traumatischen Symptombildungen führen können.

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Rasche Gedanken 

 

Wie viele Empfindungen lassen sich nach traumatischen Erlebnissen durch Sprache bezeichnen und differenziert ausdrücken? Wenn man nur noch vegetativ existiert? Wenn es sich um traumatische Erlebnisse und ihre Leiden bewirkenden Folgen handelt, scheint es nicht so viel zu sein. Ein extrem traumatisierter Mensch ringt um Worte und findet nicht zur Präzision dessen, was er fühlt und was in ihm vorgeht. Hat es da das Sandspiel oder szenische Spiel nicht viel leichter?

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Ein neues Wort ist in die Alltagssprache eingedrungen: Vulnerabilität, vulnerabel, welches die physische und psychosoziale Verletzlichkeit eines Menschen bezeichnet. In einem Interview im DLF äußerte Prof. Strohschneider den Verdacht, wir Moderne könnten uns gesellschaftlich nur noch im Modus der jeweiligen Verletzlichkeit wahrnehmen, was dann, füge ich hinzu, zur Etikettierung: Jammergesellschaft berechtigen kann. Prof. Strohschneider meinte aber wohl eine kulturell bedingte Hypersensibilität des Zeitgeistes, der überall Verletzungsfallen ausgelegt sieht, aber keine Konsequenzen aus seiner Zeitdiagnose ziehen will.

Nun bezeichnet Vulnerabilität keine Verletzung, sondern nur die Möglichkeit einer Verletzung, mithin ein Risiko. Die Möglichkeit enthält folglich eine Angst verursachende Unsicherheit, die aber durch den inflationären Gebrauch rasch zum Faktum wird. Wenn wir uns im Modus der Vulnerabilität wahrnehmen, könnte ein gesellschaftlicher Vorteil resultieren: Wir gehen behutsamer miteinander um. Allerdings erschweren die Anonymität und die große Zahl der vulnerablen Gruppen den sensiblen Umgang. Jahrelang wurden das Individuum und die Individualisierung favorisiert, Konkurrenz mit Ellbogen gefeiert. Nun soll der Gedanke einer Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ausgepackt werden (außerhalb von Fußballländerspielen). Diese  Widersprüche überfordern manchen Zeitgenossen.

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Eine alternative Betrachtungsweise des Themas Trauma und Folgestörungen ist die eines Metabolismus, d.h. einer Wechselwirkung von Innen und Außen, einer Verkörperung, Verinnerlichung und Verstofflichung von realer Umwelt, die nicht in gleicher Weise exkorporiert wird, sondern nur in verwandelter Form in Erscheinung tritt. Atmung ist das plastische Beispiel, bei der Sauerstoff aufgenommen und Kohlendioxid ausgeschieden wird. Imitation und Erziehung als Dressur können als relative Ausnahmen betrachtet werden, weil in diesen Fällen der Output wie der Input ausfällt oder im Ergebnis bewusst und konstant gleich ausfällt.

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Wir haben mit Abscheu die Folterungen von Abu Ghraib registriert. Wir haben uns explizit  für die Auflösung von Guantanamo ausgesprochen. Wir haben Beweise für die zerstörerische Wirkung von langdauernder Isolation gesammelt und publiziert. Wenn jahrelange Isolation den Kern menschlicher Wesen, ihre soziale Orientierung, zersetzt, dann wird man bestätigen müssen, dass Abdullah Öcalans Isolation in den ersten Jahren seiner Gefangenschaft und erneut seit einem Jahr menschenrechtlicher Bewertung widerspricht. Aus gesundheitlichen Erwägungen ist die Aufhebung der Isolation Öcalans zu fordern. In der praktizierten Form ist von Folter auszugehen.

Die Bundesregierung und andere befasste Institutionen haben sich der Tatsache zu stellen, dass sie Folter dulden und hinter Terrorvorwürfen verstecken. Wenn einem Menschen das zentrale Attribut abgesprochen wird, dann müssen diese Institutionen handeln, wenn sie sich nicht der Beihilfe zur permanenten Folter und unterlassener Hilfeleistung schuldig machen wollen.

 

Kann man die kommunikativen und emotionalen Auswirkungen extremtraumatisierter Menschen auf die nachfolgende Generation Trauma nennen? Im Einwurf vom 29. November 2019 hatte ich begründet, warum ich mich ohne Praxis nicht zum „Trauma“ der zweiten Generation von Holocaust-Überlebenden äußern könne. Ich habe keine Kenntnis über Betroffenenzahlen und kann die vielfältigen Einflusssysteme in ihrer Dynamik und Wirkung nicht beurteilen. Meine Vorstellung kann mich leiten. Ich denke, das Problem einer „Traumatisierung“ der zweiten und dritten Generation ist mit Pathos und Empathie nur im Zusammenhang mit anderen Dauertraumatisierungen (durch Massenmord, Geiselnahme, Genozid, Giftgasattacken, Bürgerkrieg, Entmenschlichung, Zwangsumsiedelung und Verschleppung) zu verstehen, wobei moralische und menschenrechtliche Urteile gesprochen, geschichtliche Deutungen gebildet werden, Bedeutung für den Einzelnen erlangen, intensive Arbeit am Unverständlichen fordern und zum Kristallisationskern für kollektive Forderungen nach Reparation und gerichtlicher Verurteilung der Täter werden. Hierbei geht es nicht um Relativierungen des Holocaust, der gezielten Vernichtung der Juden Europas, sondern es zeigt sich die Bandbreite psychischer Traumata, die aus langdauernder Verfolgung und Bedrohung des Lebens, Verlusten des sozialen Gefüges, der Benachteiligung und Diskriminierung in negativer Weise auf die Kindergeneration resultieren. In Bezug zu traumatischen Folgen kann kein historisches Ereignis von Mord und dauerhafter Intensivbedrohung ein Privileg beanspruchen. Trauma mit dazugehörendem Diskurs ist sicherlich kein feststehender Begriff, der definitionsgemäß einem Gewalterlebnis folgt und in seiner Bedeutung, Praxisorientierung und Applikation nicht spezifisch oder dogmatisch beschränkt werden kann. Trauma hält sich trotz eines offiziellen Symptomenkatalogs (im Sinne von PTBS) in aller Subjektivität für angemessene, aber auch für flexible Deutungen und Zuschreibungen offen. Damit öffnet sich Psychotrauma auch für universelle Dimensionen, was durch Opferhierarchisierungen verhindert würde.

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