Die Bezeichnung kPTBS ist verwirrend. Sie löst bei mir Bedenken aus, die sich auf die vorgebrachten Differenzierungsgründe zur einfachen PTBS beziehen. KPTBS begegnet TherapeutInnen in ihrer Heterogenität und macht dadurch therapeutische Ansätze schwierig, weil die subjektiven Urteile von therapeutischen Personen noch nicht in eine offizielle, „objektive“ Beschreibung und somit Vorschrift gefasst wurden. Sie wünscht sich abzugrenzen von der einfachen PTBS und vernachlässigt, dass auch die einfache PTBS ein komplexes Geschehen abbildet, das mehreren verletzten Sinneswahrnehmungen und geschädigten Persönlichkeitsmerkmalen entspringt und daher Trauma genannt wird. Die kPTBS scheint ein Supertrauma zu erschaffen, das alle Zweifel ausräumt. Der mit einem (verbalen oder instrumentellen) Gewalterlebnis zusammengehende Stress führt zu vegetativen Antworten, die ein Überleben sichern sollen. Einen Nachweis, der eine Schilderung beweisend trägt, gibt es nicht. Die soziale Konstruktion eines Traumas besagt, dass der traumatische Stress nicht vollständig abklingt, sondern in Symptomenkomplexen unterschiedlicher Intensität und Dauer sich zu erkennen gibt und wiederholt die psychosozialen Optionen beschränkt, und zwar wesentlich allein für die traumatisierte Person, zuweilen für ihre Mitwelt.

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Am 30. August jährt sich zum 37. Mal der Todestag Cemal Kemal Altuns.

Er sprang aus Verzweiflung über seine drohende Abschiebung in die Militärdiktatur Kenan Evrens aus der sechsten Etage des Verwaltungsgerichtsgebäudes in der Hardenbergstraße und verletzte sich tödlich. Er liegt in Berlin begraben.

Herr Altun war ein politisch engagierter Student, der sein Land verließ, weil ihm Willkür, Haft und Folter drohten. Wie so vielen jungen Leuten in der polarisierten türkischen Gesellschaft. Die Militärregierung mit ihren Staatsanwälten hatte ein Auslieferungsgesuch an bundesdeutsche Behörden geschickt, das mit Beteiligung an einem Mord begründet wurde. Interpol war eingeschaltet worden.

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                                                von Sepp Graessner

 

Der therapeutische turn der 70er bis 90er Jahre des abgelaufenen Millenniums, der sich vornehmlich auf psychosoziale Störungen konzentrierte, hat ein intensiv wachsendes Feld erzeugt. Dieses Feld hat sehr erfolgreich Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit stigmatisierenden Normabweichungen etikettiert und Normalisierung durch therapeutische Interventionen und Pharmaka empfohlen. Ohne exaktes Wissen und allein mit ordnungspolitischen Mitteln der Klassifikation und Statistik und an ein aufnahmebereites Publikum adressiert vergrößerte sich das Feld der psychologischen Pathologie. Darüber haben schon viele Frauen und Männer nachgedacht und publiziert (T. Szasz, C. Lane, F. Furedi, T. Dineen, K. Ecclestone & D. Hayes, J.L. Nolan, P. Rieff u.a.m.).

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Wenn mensch über Psychotraumata nach Gewalteinwirkung nachdenkt und seine Winkel ausleuchten möchte, kommt mensch um eine Betrachtung des mikrosystemischen und des makrosystemischen Zugangs zum Thema nicht herum. Das ist im allgemeinen Verständnis der Abstand zwischen Biologie und kultureller Prägung, die jeweils zugleich in funktioneller Wechselwirkung stehen. Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) als Diagnose umfasst und beansprucht scheinbar beide Enden. Sie formuliert Gesetzmäßigkeiten und deren Widerruf durch Erfahrung. Jeder Mensch werde durch passive Gewalterlebnisse so sehr erschüttert, dass er nur noch durch umfangreiche schmerzlich empfundene Symptome antworten könne. Diese Aussage widerspricht der Erfahrung und der Statistik. Aktive Gewaltausübung kann offenbar nur in Ausnahmefällen erschüttern. Insgesamt lebt PTBS von einer verunglückten Bedeutung, die wie ein Schwamm Uneinheitliches (individuelle Sozialkommunikation, individuelle Geschichte und materielle Physiologie) als unmessbare  Merkmale aufsaugt. Auf diese Problematik kam ich schon wiederholt zurück.

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Komplexe Kausalität

 

Die Seife rutscht unter der Dusche aus der Hand, weil sie nass und glitschig ist. Wir alle kennen diesen Vorgang. Daher ist der kausale Zusammenhang einleuchtend. A verursacht B. Die Beschaffenheit der Seife ist der hinreichende Grund für das Entgleiten. Die Hauptarbeit besorgt die Gravitation.

Die Erfahrung einer andauernden Demütigung im Rahmen existenzieller Bedrohung führt nach landläufiger Auffassung (seit ca. 1980) zu langwährenden Symptomen unterschiedlicher Ausprägung. Diese sind in übersichtlicher Weise aus der Vorstellung und Erfahrung von Experten in ihrer Unsichtbarkeit katalogisiert worden. Niemand möchte die fortdauernden Symptome ertragen, die an einen passiven und mit Leiden verknüpften Status gebunden sind. Sie werden Trauma, Störung, Krankheit genannt. Eine Kausalität zwischen Erniedrigung und nachfolgenden Symptomen halten wir für gegeben, wenngleich nicht alle extremen Ereignisse von allen Menschen erfahren werden und gänzlich in der bewusst abrufbaren Erinnerung bleiben, aber in angenäherten oder ähnlichen Erlebnissen zum Leben gehören. Das heißt nicht, dass mutwillig erzeugte, angewandte Gewalt zum Leben gehören muss. Sie verletzt oder beschädigt ein Ding oder eine Person. Und fordert die Frage heraus, ob die Gewalt und Demütigung notwendig waren, wenn man das Resultat betrachtet, und wie das Gewaltpotential sich in einem aktiven Körper versammelt hat, wenn es nicht um Überleben geht, sondern allein um Macht über Körper und Seele.

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         Ein sicher unauflösliches Dilemma entsteht, wenn Menschen das Gewicht ihrer erlebten Traumatisierung in Sprache zu verwandeln suchen. Den Kern der Traumatisierung kann mensch unter- oder übertreiben, niemals exakt vortragen, denn er ruht in einer Hülle von Subjektivität und Geschichte. Menschen wissen dabei, dass die Gleichzeitigkeit der Resultate von Gewalt nur in einer Kette von nacheinander erfolgenden Beschreibungen wiedergegeben werden kann. Ketten können reißen und einzelne Abschnitte verloren gehen. Sie wissen zudem, dass Schmerzen und Emotionen nur ein begrenztes Arsenal an Begriffen haben. Erinnerungen können bewusst oder unbewusst selektiv fragmentiert werden. Soziale Situationen ordnen die Inhalte von Erzählungen jeweils neu, obwohl die Forderungen an eine Erzählung bekannt sind, jedoch zumeist eine Überforderung darstellen: spontan, wahrheitsgemäß, vollständig, detailtreu, mit möglichst vielen überprüfbaren Aspekten, die Widersprüche aufzuspüren gestatten.

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Ein besonderes und unauflösbares Kapitel stellen von alters her die machtgestützten Urteile von Menschen über Menschen dar. Sie gründen auf Übereinkünften und machen dadurch den Machtaspekt unbewusst, wenn er bereitwillig als notwendig akzeptiert wird. Macht ist so ziemlich der einzige Begriff, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereint. Damit das so bleibt, werden Gesetze erschaffen. Der Common sense in staatlichen Gesetzen setzt sich aus Zwecken, Zielen und Willkür zusammen und möchte die Willkür beherrschbar machen. Aus jedem Urteil schaut die Macht heraus, und wir haben uns angewöhnt, machtbewehrte Urteile zu akzeptieren, wenn wir nicht selbst betroffen sind. In Bewerbungsgesprächen kommt Macht zum Ausdruck, polizeiliche Befragungen enthalten Macht in ungleicher Verteilung, die meisten Männer-Frauen-Beziehungen beruhen auf ungleichen Machtverhältnissen, Anhörungen zu Fluchtgründen werden zu machtvollen Urteilen mit endgültigem Charakter, ohne Zeugen bilden Indizien und der diskursive Zeitgeist den Rahmen für Urteile über Menschen, die andere Menschen durch Machtdemonstration in ihrer Entwicklung behindert und psychisch verletzt haben. „Illegale Einreise“ und die sexualisierte Gewalt gegenüber abhängigen Personen gleichzusetzen, hat insofern etwas Willkürliches, als beide Formen richterliche Personen zu Urteilen herausfordern, die mit Wahrheit in schwammiger Verbindung stehen. Das nennen wir Zivilisation, die uns Machtfaktoren und Machtwirkungen anbietet, die Süchte erzeugen. Macht ist die gefährlichste Droge. Dabei ist Macht nichts als die Abwehr der eigenen Verletzlichkeit.

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Mit einem noch undeutlichen Blick erlaube ich mir einige Bemerkungen mit spekulativem Charakter. Da so vieles, das den psychischen Verletzungen zugeordnet wird, sich im spekulativen und interpretationsfähigen Bereich bewegt, muss ich nicht erröten, wenn ich mich zu vorstellbaren Erklärungen des Psychotraumas äußere, die allerdings erst in Umrissen wie im Schattenspiel und in aller Vorläufigkeit hervortreten. Schließlich gibt es noch keine Theorie, die den pathogenen Mechanismus des Psychotraumas und seiner Folgen überzeugend erfasst. Selbst Teilphänomene begnügen sich mit Beschreibungen, die sich auf Evidenzen beziehen. Ich hatte in zurückliegenden Beiträgen darauf hingewiesen, dass ich in den theoretischen Zugängen zum Schmerz, insbesondere zum Phantomschmerz, signifikante Parallelen zu Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung erkenne, vor allem zu den bewusstseinsfreien Äußerungen nach überwältigendem Stress, die sich unerwünscht, ungewollt und hinderlich melden. So genannte dissoziierte Anteile lassen sich auch mit Aktivierungen des autonomen Nervensystems nicht ins Bewusstsein holen. Als bewusstseinsfrei lassen sich Formen der Vermeidung, des Wiedererlebens traumatischer Szenen und das gesteigerte posttraumatische Erregungsniveau aus vegetativen Einwirkungen und unbewusster Furcht oder diffuser Angst auffassen. Diese posttraumatische Symptomatik rührt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Beschädigungen von Symbolen, die als Verluste von Würde, schmerzhafte Demütigungen, Durchlöcherung des Ich-Kerns, Wertlosigkeit, verbale Erniedrigung – jeweils Destabilisierungen einer komplexen Persönlichkeit – konzipiert werden können. Symbole als Komplexe aus Schmerzwahrnehmung, Bedeutungszuschreibung und emotionaler Äußerung könnten als ein verwandter Mechanismus zum Phantomschmerz verstanden werden, wenn sie einer ähnlichen Kopplung von Speicherung und spontaner Abrufbarkeit unterliegen. Die immer wieder beobachtete Sprachunfähigkeit nach traumatischem Stress kann als eine weitere Schädigung von Symbolen verstanden werden, denn Sprechen bedient sich eindeutig lautgebender Symbole. Insgesamt werden die unbewusst einsetzenden Symptome oft pathetisch überschätzt. Eine Abgrenzung zu landläufigen Stressfolgen, von denen jede Person betroffen sein kann, ist schwer vorzunehmen. Lediglich wenige Ausnahmen, die lebenslang mit Verlusten und traumatischen Erlebnissen zu kämpfen haben, sollten therapeutische Unterstützung in Anspruch nahmen können, wenn sie damit ihre soziale Orientierung verbessern.

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Dieser kleine Beitrag versucht eine Antwort auf die Frage, warum  schmerzliche Erlebnisse mit psychischen, d.h. traumatischen, Folgephänomenen  die so zahlreich sind wie die Varianten des Schachspiels und öfter und regelmäßiger auftreten als Kälte am Polarkreis, erst am Ende des 20. Jahrhunderts zu einer Systematik der Symptome und damit zu einer Anerkennung einer Diagnose durch Laien und Fachleute geführt haben: dem Psychotrauma und der posttraumatischen Belastungsstörung. In diesem Bereich subjektiver Wahrnehmungen wurde nun intensiv geforscht. Die Wissenschaft der US-Psychiatrie nahm sich der Subjektivität an. Dazu benötigte sie einen theoriefreien Pragmatismus, Beobachtungen in Veteranenhospitälern und jonglierende Biostatistiker. Was nahezu alle Menschen des Erdballs kennen und worüber sie sich eine Meinung gebildet haben, weil sie sich geschwächt, ängstlich, traurig, gequält fühlen, wird ihnen von der westlich inspirierten Wissenschaft abgenommen und in neue Zusammenhänge des Verständnisses eingefügt, das in einer akademischen Aus- und Weiterbildung erworben werden kann.

Vermutlich hat die Monopolstellung der Kirchen diese neue Betrachtung von Psyche lange Zeit verhindert. Wenn man in den Kirchen davon ausging, dass auch Unheil, Schmerzen, Verluste dem Wirken Gottes unterliegen, dann ist die Betrachtung psychischer Leiden als durch die soziale und feindliche Umwelt verursacht ein ketzerischer und revolutionärer Gedanke, der am Kernanliegen der Allmacht Kratzer hinterlassen konnte und daher seit Jahrhunderten bekämpft wurde. Kein Monopol gibt kampflos auf. Aber nicht nur die beschädigte Psyche wollte die Aufklärung  den Kirchen entreißen, auch die subjektiven und weitgehend verborgenen Gefühle, die zu Motiven für widerständiges oder kriminelles Handeln werden konnten, reizten die beginnende Forschung mit Billigung und im Interesse der Origkeit. Beziehungen unter Menschen und Bindungen zwischen ihnen forderten die Suche nach Kriterien für Vertrauen, Patriotismus, Treue und Zuverlässigkeit heraus. Sicher ist auch anzunehmen, dass in Zeiten von Hunger und Missernten, hoher Kindersterblichkeit, übertragbaren Krankheiten, täglicher Überlebensarbeit und vielen weiteren Beschränkungen das Reden über psychische Prozesse als Trauma als randständiges Geschwätz abgetan wurde und keine Priorität beansprucen durfte, obwohl diese Prozesse zu allen Zeiten im Hintergrund wirkten und sehr zögerlich als traumatische Erlebnisse in den Vordergrund drängten, aber allzu lange Projektionen begünstigte.

Diese traumatisch wirkenden Einflüsse brachten jedoch ein favorisiertes und von höchster Stelle gefördertes Abwehrsystem gegen psychologische Erklärungsmuster hervor, das als Männer- und Heldenbild unausrottbar schien. In quasi militarisierten Gesellschaften durchzog dieses Bild alle Bereiche des Alltags. Man konnte sich dem nur schwer entziehen. Es wurde zum allgemeinen Maßstab der Selbstdefinition. Bei solchen Helden und Männern konnte man nur Spott ernten, wenn man vereinzelt auf vulnerable Anteile in Menschen hinwies. Die innewohnende Gewalt dieses Männerbildes wurde durch die Lächerlichmachung von psychischen Verletzungen gleich mit abgewehrt. Frauen kamen nur insofern vor, als sensible Männer als weibisch diffamiert wurden.

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