Meine Kritiken aus unterschiedlicher Perspektive an der Diagnose PTBS, ihrem Gebrauch, ihrem historischen Auftauchen, ihren politischen Zwecken und ihrer Vervielfältigung habe ich hier formuliert, obwohl mir bewusst war, dass ich dadurch Beifall von unerwünschter Seite erfahren könnte und zugleich diejenigen verärgerte, die mit dem Zugriff zur Diagnose ihren Mandanten und Klienten im öffentlichen Vortrag nützlich sein oder die Sensibilität für das psychosoziale Befinden von Flüchtlingen in der gesellschaftlichen Debatte wecken und verfeinern wollten. Die Diagnose, so die allgemeine Auffassung, sei die (wenn auch unpräzise) Zusammenfassung von Beschreibungen innerer Prozesse von Flüchtlingen und Asylsuchenden, wenn sie nach Gewalterlebnissen in Europa angekommen seien. Mit dieser Diagnose, die aus dem psychiatrischen Arsenal stammt, sei der psychosoziale Status von Flüchtlingen leichter zu verstehen und zu korrigieren. Dieser psychische Status verlange Schutz, Hilfe, Geduld, Geborgenheit und therapeutische Stützung sowie eine Perspektive in einer neuen gesellschaftlichen Umgebung. Dazu verpflichteten die Moral, Menschenrechte und humanitäre Betrachtungen im globalen Kontext. Sowohl Behördenmitarbeiter (BaMF, Ausländerbehörden) als auch Rechtsanwälte in Asylverfahren oder Flüchtlingshelfer haben mich wohl nicht richtig verstanden, wenn sie meine Einlassungen in ihrem Interesse funktionalisierten oder als störend und kontraproduktiv empfanden. Es besteht einfach ein Unterschied zwischen einem wissenschaftlich untauglichen Begriff (PTBS) und dem pragmatischen Gebrauch dieser Störungsbezeichnung, bei dem man sich im Allgemeinen nicht klar macht, dass sie Mystisches und Unerklärliches transportiert.

Weiterlesen ...

                                Great Expectations

 

 Wenn man die Forschungen, die sich auf epigenetische Phänomene beziehen, näher an sich heranlässt, dann kann man sich an Dickens’ Erzählungen erinnert fühlen. Worum geht es dabei? Und warum sollten sie an die „großen Erwartungen“ erinnern? Und wer schürt diese Erwartungen?

Eigentlich geht es um einen durchsichtigen Wurm, an dem unter experimentellen Bedingungen und unter dem Mikroskop beobachtet wurde, dass im Vererbungsprozess nicht nur die DNA von Spermien und Eizellen am Zellteilungsvorgang teilnehmen, sondern auch die umgebenden basischen Aminosäuren, die in ihrer Anordnung ermöglichen, dass ein 160 cm langer Strang von Erbinformationen so gepackt wird, dass er in einen Zellkern passt, wofür so genannte Histone verantwortlich gemacht werden. Epigenome bzw. das Chromatin waren bis vor kurzem in ihrer Bedeutung nicht erkannt worden. Histone bestehen aus basischen Proteinen und sind das die Doppelhelix umgebende Gerüst oder Stützmaterial, das zu wechselseitigen Prozessen fähig ist und anders als Gene der primäre Reaktionsort auf Umweltreize darzustellen scheint. Die Funktion der Methylierung von Histonen wird derzeit intensiv erforscht und steht überwiegend in Beziehung zur epigenetischenInaktivierung von Genen. So kann eine regionale Trimethylierung des Lysinseitenrestes zu einer Kondensierungder Chromatinstruktur in diesem Bereich führen. Dies hat dann eine Inaktivierung der Genexpressiondes auf diesem Abschnitt liegenden Genszur Folge.

Weiterlesen ...

Wiederholt wurde ich gefragt, ob nicht ein bedeutsamer Paradigmenwechsel eingesetzt hätte, als im Jahre 1980 die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) im DSM-III auftauchte.

Die Fragen bezogen sich innerhalb einer diagnostischen Strategie auf die Ursache-Wirkungs-Relation und damit vor allem auf die Methodik.

Wenn ein Mensch einen Fahrradunfall erleidet, dann sind im Allgemeinen die resultierenden Verletzungen (z.B. Frakturen, Desorientierung, Hautabschürfungen usw.) auf den Unfall zurückzuführen. Ursache und Wirkung stehen in einer logisch erscheinenden Beziehung zueinander.

Weiterlesen ...

 

Die posttraumatische Belastungsstörung, die inzwischen längst das psychiatrische Milieu verlassen und sich in der Alltagskultur niedergelassen hat, war immer und ist aktuell weiter ein rein westliches Konstrukt. Westlich meint in diesem Zusammenhang eine spezifische Wahrnehmung, Bewertung und Beeinflussung von Ereignissen in der Welt und ihre Ablagerung in der (zumeist) individuellen Psyche sowie Redeweisen über diesen Mechanismus, die nicht mit Erklärungen und Beweisen verwechselt werden dürfen. Als westlich kann nicht nur die beschriebene Symptomatologie nach traumatischen Erlebnissen bezeichnet werden. Vielmehr ist auch die empirische Forschung zur Psychotraumatologie ein westliches Projekt, das auf die Aufklärung zurückgeht und bei dem sich Macht, Neugier und Kontrollphantasien innerer Prozesse bemächtigen wollen, die zuvor in die Zuständigkeit der Religion gehörten. Auch heute noch bezieht der Impetus zur Aufklärung posttraumatischer Befindlichkeiten seine moralischen Antriebe aus dem Christentum. Daher ist das Verbreitungsspektrum der PTBS vor allem in den Ländern oder Regionen festzustellen, die christlich geprägt sind oder unfreiwillig geprägt wurden.

Weiterlesen ...

 

    Kurze Bemerkungen zu Subjekt und Subjektivität

 

 

Der Begriff „Subjekt“ sollte im Bereich des Psychotraumas in seiner unscharfen und relativierenden Bedeutung akzeptiert werden. Jeder Mensch ist Subjekt, ist ein Gewordener, der zahlreiche Einflüsse in sich aufgenommen hat und mit diesen bewussten oder unbewussten Einflüssen, die zumeist mit Sprache einhergehen, sein Handeln vollführt. Er ist nicht erst Subjekt, wenn er über sein Subjekt-Ich nachzudenken beginnt, wie Descartes bestimmte. Subjektivität setzt sich aus einer Fülle verarbeiteter und unverarbeiteter Wahrnehmungen zusammen, die eine jeweils subjektive Realität entstehen lassen, was Dressur oder Disziplinierung zu verhindern suchen. Dabei entspringen nur wenige Handlungen rein kognitiven Impulsen. Mehrere verwandte Realitätsbetrachtungen lassen eine ähnliche rationale und emotionale Methodik des Zugangs zur Realität und zu deren Bewertung annehmen. Wenn im fortgeschrittenen Alter das Denken über das Ich beginnt, können Zweifel an der Doktrin, wonach allein das denkende Ich  existiert, nicht ausbleiben, aber sicher nur, wenn Zweifel auch als konstruktive Öffnung zugelassen werden und nicht, wie bei uns üblich, als „notwendiger“ Zwang zur Definition des Selbstbildes in Erscheinung treten. Das Denken über das Subjekt-Ich und jede externe Macht und Gewalt machen aus dem Selbst ein Objekt. Das könnte durchaus als Kränkung erscheinen, wenn es als schwierig oder unmöglich wahrgenommen wird, aus dem Objektstatus herauszutreten, was bei posttraumatischen Symptomen angenommen wird. Wenn sich der Objektstatus mit negativen und schmerzhaften Erlebnissen anreichert, wird es in der Tat schwer, sich von den handlungsbestimmenden Elementen des Selbst und Objekts zu emanzipieren.

Weiterlesen ...

                        

 

      Zum traumatischen Gedächtnis

 

Kein Streit im wissenschaftlichen Raum wird so verbittert ausgefochten wie die Kontroverse um das traumatische Gedächtnis, einem Gebiet also, der sich in seiner Arbeitsweise, Lokalisation, seinen Registrierwegen und seinen Äußerungsformen nur spekulativ oder angenähert beurteilen lässt. Ein großer Teil der Kontroverse rührt aus, vermute ich, der unzureichend verstandenen Bedeutung des impliziten Gedächtnisses und der Analogie des traumatischen Gedächtnisses, die vom Schmerzgedächtnis abgeleitet wird. Der Phantomschmerz, der ohne Bewusstsein generiert wird, habe eine Entsprechung im traumatischen Gedächtnis und in den Flashbacks eines traumatischen Geschehens. Während aber der Schmerz ein rein physiologisch-chemischer Prozess ist, tritt beim durchaus schmerzhaften traumatischen Geschehen eine kulturell-gesellschaftliche Komponente hinzu, die das Ereignis als negativ bewertet und abwehren oder vermeiden möchte wie jedes schmerzassoziierte Geschehen, das Unlust erzeugt. Der Schmerz wird im Allgemeinen vergessen; er ist nicht bewusst abrufbar, vielmehr nur präsent, solange chemisch-zelluläre Prozesse ihn fühlbar machen. 

Weiterlesen ...

 

  

Gibt es eine plausible Beziehung von geschichtlichen Kräften des Neoliberalismus und seinen Wirkungen zur  individuellen Psyche? Man ist selbstverständlich versucht, diese Frage mit ja zu beantworten. Warum denn sonst sollte eine neue von der Ökonomie ausgehende Ideologie sich ausbreiten, wenn sie nicht, wie jede reale Wahrnehmung, die Psyche der Individuen erreichen und verändern wollte? Und wenn diese neue Ideologie mit direkter oder indirekter Gewalt zusammengeht, können auch Traumata resultieren. Spekulative Überlegungen machen hintergründiges Vergnügen, können jedoch auch erschüttern.

 

Mit Thatcher und Reagan bereitete sich die neoliberale ökonomische Rationalität auf ihr globales Zerstörungswerk vor, obwohl zu Beginn ihrer Regentschaft ihr Programm eher nur in einer Ausdehnung des freien Marktes lag. Aber dann legte der Neoliberalismus, angefacht durch den Zusammenbruch des realen Sozialismus, erst richtig los und zudem angetrieben von einer Geringschätzung staatlicher Wohlfahrt und Regulierung der Wirtschaft durch hinderliche Gesetze.

Weiterlesen ...

 

 

„PTSD continues to serve a political purpose.“      (  Blog Fred C. Alford zu Trauma und PTSD, Januar 2017)

 

Zur posttraumatischen Belastungsstörung, zur somatischen Symptom-Störung (SSD) oder heute: somatische Belastungsstörung sowie weiteren seitenfüllenden Diagnosen im DSM-5, die mit Definitionen als Entdeckungen auftauchen, aber in dialektischer Weise wohl eher die Entdecker definieren, sollen hier einige Überlegungen ausgebreitet werden, die mich ins Grübeln versetzt haben. Besonders die SSD nimmt eine Stellung im DSM ein, die methodisch und von der Zuordnung etliche Fragen aufwirft. Es geht bei etlichen Diagnosen im DSM-5 um Sachverhalte, die scheinbar auf der Hand liegen und daher keinen Zweifel zulassen. Und was auf der Hand liegt, kann nicht nur von Zauberern zum Verschwinden gebracht werden. Manchmal reicht genaues Beobachten und das Befragen von Begriffen.

Beginnen wir mit einem Ausschnitt aus einem Abstract von 9 Autor*innen: It... (somatic symptom disorder, S.G.) „defines the disorder on the basis of persistent somatic symptoms associated with disproportionate thoughts, feelings, and behaviors related to these symptoms.“ Folgende Autor*innen, von denen ein Großteil aus dem biostatistischen Hause stammt, übernehmen die Verantwortung:

Dimsdale JE, Creed F, Escobar J, Sharpe M, Wulsin L, Barsky A, Lee S, Irwin MR, Levenson J. schreiben dies in ihrem 2013 veröffentlichten Artikel „Somatic symptom disorder: an important change in DSM“. (Journal of Psychosomatic Research, 75 (3) S. 223-228.)   

      Hier wird ziemlich wörtlich übernommen, was Robert L. Spitzer 38 Jahre zuvor im American Journal of Psychiatry 1975 132:11, 1187-1192 in einem Aufsatz:„Clinical criteria for psychiatric diagnosis and DSM-III“ formuliert hatte, wenn auch in einem anderen Zusammenhang und wohl auch zu einem anderen Zweck. Er meinte u.a. auch PTSD, der er eine somatische Grundlage/Folge unterstellte. Er schrieb:

Weiterlesen ...

 

 

Im folgenden Einwurf sollen nochmals die Entwicklung und phänomenale Ausbreitung des Traumadiskurses und der beteiligten Akteure anhand von Stichwörtern wie Rhizom, Netzwerke und Theoriebildung skizziert und in seinen diagnostischen und politisch-moralischen Implikationen lediglich kursorisch behandelt werden und vielleicht als Anregung dienen.

Die Theoriebildung wurde bei der Veröffentlichung des DSM-III bewusst vernachlässigt, als sich der moderne Traumadiskurs, der über rund 10 Jahre  eine Verbindung von Vietnamkrieg und dem Leiden der Veteranen herzustellen bemüht war, als „Wahrheit“ sich durchgesetzt hatte und neue Betrachtungen auf Opfer, Gewalt und vor allem auf die Folgen von willkürlich verursachten psychischen Verletzungen ermöglichen sollte und dies auch erreichte. Indem Symptome der Veteranen phänomenologisch beschrieben wurden, die sich dann zu einer Diagnose etikettierend verdichteten, konnte zwangsläufig auf eine Theorie verzichtet werden. Die innere und logisch wirkende Beziehung schien auf der Hand zu liegen: Die überfordernde Wahrnehmung von Gewalt und Lebensbedrohung bewirkte bei nahezu jedem Betroffenen akute oder chronische Symptome.

Weiterlesen ...