Vierzehnter Einwurf

 

          Sepp Graessner

 

Im Thieme-Verlagsmagazin (Archiv 2016) findet sich eine Besprechung der Forschungsergebnisse einer Forschergruppe um Frau Professor Anke Ehlers in Oxford/UK. Die Forschungen bezogen sich auf Risikofaktoren, die eine Ausbildung einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression begünstigen können und voraussagen lassen. Konkret richtete sich das Interesse auf so genannte Denkmuster. Diese Muster beziehen sich folglich in meinem Verständnis auf die Betrachtung der Stellung einer traumatisierten Person in der Welt (Realität) und darauf, welchen Stellenwert ein traumatisches Erlebnis und seine unmittelbaren reaktiven Affekte einnehmen. Beim Auftauchen von posttraumatischen Symptomen treten die Denkmuster einer traumatisierten Person mit denen Nichttraumatisierter in Beziehung und in Konflikte.

In verstärktem Maße beziehen sich Forschungen auf Risikofaktoren, deren Beherrschung durch präventive Maßnahmen eine länger währende posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder Depression zu vermeiden oder abzumildern in der Lage sei. Aus dieser Tendenz lässt sich auch ein besonderes Interesse des militärischen Komplexes ableiten, der zunehmend Ausfälle für Kampfeinsätze durch posttraumatische Störungen registriert und sich um die nachfolgenden Invaliditätsrenten sorgt.

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von Sepp Graessner

 

 

Vorrede:

 

Der Begriff des Psychotraumas hat sich zahlreiche Anwendungspraktiken erobert (warum gibt es noch keine Trauma-App?), ohne dass man einen Hauptakteur für solche „Eroberungen“ benennen könnte, wie es für viele Begriffe aus kulturellen Vereinbarungen gilt, die sich aus Narrativen, Technologien und Praktiken und sicher auch aus moralischen Erwägungen komponieren lassen. Das bedeutet, der Begriff hat soziale Wurzeln und einen sozialen Gebrauch, ja, die wissenschaftliche Erforschung erfolgt gleichfalls in sozial strukturierten Bezügen. Der Zeitpunkt der Begriffsbildung und die Zeitströmungen in der Mitte der 1970er Jahre lassen jedoch eine bewusste Inszenierung annehmen, weil der Eindruck einer Neuerfindung erweckt wurde und relativ wenig Bezug auf die Vordenker genommen wurde. Das Psychotrauma hatte es zweifellos schon immer gegeben, aber erst im Jahre 1980 wurde es der Bedeutungslosigkeit entrissen und mit klinischen und diagnostischen Mitteln an vielfältige Praktiken überwiesen.

Im Zentrum der Expansion des Begriffs und der Praktiken steht der anonyme Markt, an dem sich viele Akteure versammeln, die zuweilen Angebote zur Schau stellen, für die erst eine Nachfrage geweckt werden muss. Sollte es Akteure und Regisseure (US-Regierung, Task Force mit ihrem Chef Robert Spitzer?) bei der „Entdeckung“ des Psychotraumas gegeben haben, so müsste eine historische Untersuchung über die Wiederentdeckung und die Begriffsentwicklung des Traumas Auskunft geben können. Die atemlose Eroberungslust des Traumabegriffs erklärt sich nach meiner Beobachtung aus der Verbindung von common sense, der uralten populären Wahrnehmung reaktiv belastender bis quälender Gefühle und der „wissenschaftlich“ abgesegneten Aufnahme in den psychomedizinischen Kanon. Diese Verbindung erlaubte zahlreiche Spekulationen, die sich auf positiv bewertete Motive stützen, weil Mitgefühl, Wohlwollen und Unterstützungsbereitschaft, also primäre menschliche Regungen durch Gewalterlebnisse angesprochen wurden und zur Entäußerung drängten. Was der erste und zweite Weltkrieg nicht schafften, ermöglichten der Krieg in Vietnam und seine US-Veteranen und parallel dazu die internationale Frauenbewegung.

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Sepp Graessner

 

 

Wo ist das Problem?

 

Zu guter Letzt möchte ich doch noch einige Überlegungen und Kommentare zur Geschichte einer Diagnose anstellen, wobei ich mich auf öffentlich zugängliches Material stütze (also kein Archivmaterial) und die Wandlungen im Verständnis der Diagnose über rund 40 Jahre verfolge. Man mag fragen, was denn an den kritischen Befragungen der Diagnose PTBS interessant sein soll und ob die behauptete Wirkmächtigkeit der PTBS nicht übertrieben sei. Warum sollte ein posttraumatischer Status psychosozialer Befindlichkeit nicht einen Namen und einen beigeordneten Katalog von Symptomen erhalten? Dabei stelle ich fest, dass die phänomenologischen Beschreibungen psychischer Verletzungen sich vor und nach 1980 nicht fundamental verändert haben, wohl aber die Klassifikationen, die in den meisten Fällen Präzision durch Quantität ersetzen, gleichwohl vorgeben, eine eigenartige Präzisierung von Evidentem anzustreben. Viel wissenschaftliches Know-how ist hier aus unterschiedlichen Disziplinen aufmarschiert, als gelte es, eine universelle Krankheit der Menschheit einzudämmen und ein Menschenbild von Opfern und helfenden Expert*innen zu entwerfen, das mit Elan und missionarischem Eifer über den Globus verbreitet werden müsse.

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                Sepp Graessner

 

 

Leider wurden meine Wünsche, mit Leserinnen und Interessentinnen in Kontakt und Austausch zu treten, nicht erfüllt. Ich hätte gerne gewusst, ob meine Kommentare und alternativen Betrachtungen verstanden und benutzt wurden oder ob die Texte verschwommen und wenig hilfreich waren. Mein Hauptanliegen war es, Fragen zum Trauma und zur posttraumatischen Belastungsstörung aufzuwerfen und hin und wider konstruktiven Spott einzustreuen. Die historischen Dimensionen der Bedeutung psychischer Verletzungen und der daraus resultierenden Praxis waren mir wichtiger als Kasuistiken, deren Verallgemeinerungen und ihr Abdriften ins Beliebige das Problem der Traumafolgestörungen nicht aufklären und vertiefen können. Die Betrachtung individueller, subjektiver Leiden habe ich stets im sozialen Kontext der Entstehung und der subjektiven Folgephänomene angesiedelt, wo sie nach meiner Ansicht hingehören.

 

„Damit kehren wir zu dem Punkt zurück, dass Kriterien und Begriffe Geschichte haben. Es ist nicht so, dass nur Tätigkeiten Geschichte hätten und die Kriterien, die das Handeln bestimmen, zeitlos wären.“

(Alasdair McIntyre,1978)[i]

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Sepp Graessner

 

 

An den Anfang stelle ich ein Zitat Jean Amérys, der sich am belgischen Widerstand gegen die Nazibesatzer beteiligte und gefoltert wurde. Es belegt, dass der Begriff: Ressentiment in den 1950/1960er Jahren durchaus geläufig war:

 

„Misstrauisch auskultiere ich mich: Es könnte sein, dass ich krank bin, denn objektive Wissenschaftlichkeit hat aus der Beobachtung von uns Opfern in schöner Detachiertheit (Gleichgültigkeit, S.G.) bereits den Begriff des „KZ-Syndroms“ gewonnen. Wir alle seien, so lese ich in einem kürzlich erschienenen Buch über „Spätschäden nach politischer Verfolgung“, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch versehrt. Die Charakterzüge, die unsere Persönlichkeit ausmachen, seien verzerrt. Nervöse Ruhelosigkeit, feindseliger Rückzug auf das eigene Ich seien die Kennzeichen unseres Krankheitsbildes. Wir sind, so heißt es, „verbogen“. So habe ich denn die Ressentiments nach zwei Seiten hin abzugrenzen, vor zwei Begriffsbestimmungen zu schirmen: gegen Nietzsche, der das Ressentiment moralisch verdammte, und gegen die moderne Psychologie, die es nur als einen störenden Konflikt denken kann.“

 

         Bislang hat kaum jemand die historischen Linien von Begriffen, die psychische Gewaltfolgen in Menschen bezeichneten, zu dem heute gebräuchlichen Begriff des Psychotraumas gezogen. Hinter diesen Wandlungen stehen Psychiater-Akteure aus den USA, die mit hilfsbereiter Naivität Diagnostik und Therapie für Vietnam-Veteranen entwickelten und anboten und damit eine Forderung von Experten wie R. Lifton, C. Chatan und dem Militärkomplex erfüllten. Zugleich reklamierte die damals eingesetzte Task-Force die Folgen von Lebensbedrohung und erlittenen Gewalthandlungen als genuin psychiatrisches Gelände, das sich universeller Ausdehnung erfreuen sollte. Es ist daher verblüffend, dass aktive Gewalthandlungen (von z.B. Soldaten) nicht in den Genuss psychiatrischer Aufmerksamkeit kommen sollten.

Zuerst stelle ich psychologische Elemente des Ressentiments heraus und vergleiche deren Kern mit dem Katalog des „modernen“ Psychotraumas, dann erlaube ich mir einige Bemerkungen zu Nietzsches Verständnis von Ressentiment.

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     (Zum Verschwinden des BZFO nach 25 Jahren)

 

von Sepp Graessner

 

Beim Bäcker weiß jeder, was es dort zu kaufen gibt, beim Fleischer auch. Ihre Läden heißen nach ihrem Beruf. Jeder Imbiss hat ein begrenztes Angebot, auch wenn der Imbiss als Gabys oder Mehmets firmiert. Bei Tageszeitungen ist es zumeist üblich, dass sie einen traditionellen Namen für ihr Blatt fortsetzen, z.B. Anzeiger, Depesche, Spiegel, Rundschau, Blatt, meist in Verbindung mit Orten oder Regionen. Man weiß, was gemeint ist. Neuerdings ist es Unsitte geworden, sich Firmennamen zuzulegen, die nicht auf das Angebot hinweisen, sondern sich hinter Symbolen verstecken, z.B. einem angebissenen Apfel. Versteckspielfreude mag der Grund dafür sein und maßlose Überhöhung, wenn der Sündenfall aus Genesis III re-inszeniert wird.

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         Sepp Graessner

 

Die „Willkommenskultur“ war in Deutschland noch einmal ein Aufblühen, später dann ein Aufbäumen teilkollektiver empathischer Empfindungen, bevor sie zwischen den politischen Parteien und Lagern zerrieben und ein Opfer taktischen Kalküls wurde, zuweilen auch durch allzu innige Identifikation mit Notleidenden zur Erschöpfung führte. Gefühle, Mitgefühle und das Schicksal von Flüchtlingen und Asylbegehrenden sind ein besonderes Kapitel nicht nur der Moral, sondern auch innerhalb unseres Rechtssystems, das die Reichweite menschlicher Äußerungen zu privaten und kollektiven Gefühlen vorschreibt.

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            von Sepp Graessner                        

 

           Wir sind Zeugen einer symbolischen Revolution, die sich mit den Begriffen „Trauma, PTBS, traumatisches Gedächtnis und therapeutische Angebote für Traumatisierte“ verbindet. Es wird der Eindruck erweckt, traumatische Erlebnisse würden das Leben von Traumatisierten vergiften, wenn sie nicht in therapeutischen Settings kommuniziert und damit entschärft würden. Es stellt sich hier die Frage, wie lange das Leiden an der traumatischen Erinnerung andauern kann und darf, ob also Prognosen über den Verlauf posttraumatischer Symptomatik nach bisheriger Erfahrung abgegeben werden dürften, die zumindest Reste von Hoffnung zulassen und Resignation und Regression vorbeugen.

          In einem Grußwort anlässlich eines Symposiums in Hamburg, das sich mit Staatsterrorismus und psychosozialer Gesundheit in Südamerika befasste, hatte 1989 Adriaan van Es [1] darauf hingewiesen, dass die Diagnose PTBS deshalb als unzureichend betrachtet werden müsste, weil sie die Fortdauer des inneren Terrors hinter der Vorsilbe „post“ verstecke. Vielmehr sei, z.B. in Südafrika, von einem CTSD, einem „Continuing Trauma“ zu sprechen, wie Lloyd Vogelman [2] vorschlug. Van Es bezog sich auf die Leidtragenden des Apartheidsystems in Südafrika, und er forderte in seinem Statement dazu auf, dafür Sorge zu tragen, dass Verfolgte und Misshandelte aus politischen Kontexten in ihren Heimatländern behandelt werden sollten und spezifische Wege der Behandlung gefunden werden müssten, die den Anforderungen und Vorgaben der regionalen Kulturen entsprechen. Über 25 Jahre sind seither vergangen, und die verzweigten, nicht selten utilitaristischen Entwicklungen des Traumadiskurses haben Fragen aufgeworfen. An einige Antworten habe ich mich als Skeptiker in meinen Gedankensplittern genähert, als Bilanz meiner praktischen Tätigkeit.

 

 

       Wenn man der Äußerung van Es’ folgt, können Mut und Hoffnung vergehen, denn die Bedeutung des „Continuing Trauma“ sieht eine Linderung und strukturelle Verbesserung nicht vor oder legt sich nicht fest; vielmehr verallgemeinere dieses Verständnis jene Fälle, die unter dauerhafter Symptomatik litten und übertrage sie auf alle Menschen, die einem extremen Trauma ausgesetzt waren. Der traumatische Einschlag finde somit bei allen Betroffenen keinen Abschluss und führe ein Eigenleben mit einem autogenerierenden Mechanismus. Erinnerung ans Trauma und posttraumatische Symptome seien nur in inniger Verbindung zu denken (vom Therapeuten) und zu fühlen (vom Traumatisierten). Das Hauptsymptom eines demütigenden Traumas wäre demnach die bewusst oder unbewusst generierte Erinnerung, was Allan Young schon zu Beginn der 1990er Jahre erkannte. Wenn  aber mit „continuing“ der prozesshafte Charakter posttraumatischen Befindens gemeint ist, dann können wir leichter folgen, weil jeder Prozess irgendwann ein Ende hat oder zumindest durch kommunikative Interventionen abzukürzen ist. Die Vorstellung gleichsam toxischer Erlebnisse, deren Toxizität nicht abnimmt oder von Zeit zu Zeit heftig aufwallt, ist nicht haltbar, wenn man die Mehrheit traumatisierter Menschen betrachtet, die offenbar ihr persönliches „Antitoxin“ (mit Hilfe Dritter) gefunden haben, auch wenn man nicht sicher sagen kann, wie sie das angestellt haben. Denn die Entwicklung einer psychischen Biographie (im Unterschied zur formalen, Ereignis gestützten) enthält so viele Ressourcen, Variablen und verarbeitete Sinneseindrücke, dass man nicht prognostizieren kann, wann eine sauber diagnostizierte psychosoziale Störung einer extrem traumatisierten Person persistiert, abklingt oder in Vergessenheit sedimentiert. Diese vielfältigen und unterschiedlich gewichteten Kraftfelder lassen sich in keiner Statistik anführen, weil man in Statistiken Subjektivität und Dynamik nicht berechenbar darstellen kann. Wer sich trotz traumatischer Erlebnisse nicht krank fühlt, taucht in keiner Befragung oder Statistik auf. Selbst wenn man in quantitativer Weise biographische Risikofaktoren bewerten könnte, ist eine Prognose wegen der kommunikativen Einflüsse  aus der posttraumatischen Umgebungsgesellschaft Illusion.

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                               von Sepp Graessner

 

 

„Was der Leib gelernt hat, das besitzt man nicht wie ein wiederbetrachtbares Wissen, sondern das ist man. Besonders deutlich wird dies in Gesellschaften ohne Schrift, in denen ererbtes Wissen nur in einverleibtem Zustand lebendig bleiben kann.“ (Pierre Bourdieu, 1999[i])

 

 

Nichts erscheint so schwierig wie die Psychotherapie mit Menschen aus anderen Kulturen, deren Grundmuster für soziale Organisation, Krankheitsbegriffe oder Heilverläufe, von der Sprache ganz abgesehen, unbekannt sind und in den meisten Fällen bleiben. Zugleich kann es ein Person stärken, wenn sie mit Phantasien, Assoziationen und Transformationen eine unbekannte Kultur zu erfassen versucht.

Wenn man als Therapeut Zwänge vermeiden will, steht man zu Beginn ziemlich nackt da. Klassifikationen, Diagnosen, Methodiken und routinierte Settings setzen sich leicht dem Verdacht aus, Unterordnung zu fordern und Zwang[ii] auszuüben, hinter denen positive Impulse der Hilfestellung und wohlmeinender Absichten verblassen können.

Im Folgenden werden aus praktischer Tätigkeit, Erfahrung und Reflexion einige Essentials destilliert, die zu beachten sich im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen und Asylbegehrenden bewährt haben. Sie sind sehr allgemein formuliert und bilden eher einen Rahmen für Begegnung als konkrete Therapiehinweise. Wer Rezepte in diesem unbekannten und undurchsichtigen Terrain wünscht, der wird wohl enttäuscht sein. Ich betrachte den kurzen Text als Anregung für eigene Beobachtungen.

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