vonSepp Graessner

 

Ich muss wohl noch einmal von vorne beginnen bei meinen Überlegungen zum Thema Trauma und einige Bemerkungen in Frage stellen. Immer wieder habe ich versucht, eine Definition von Trauma vorzulegen, was heute eher als unzureichend, ja unlogisch gelten muss. Die klinische Diagnose PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) habe ich in ihrer Brauchbarkeit, wie ich glaube, hinsichtlich des wissenschaftlich verwendeten Begriffs PTBS (oder komplexe PTBS) zu Recht heftig kritisiert. Was wohl falsch war, waren meine Bemühungen, mit sprachlichen Mitteln eine Definition von inneren Prozessen nach traumatisierenden Erlebnissen zu formulieren. Man kann einfach nicht einerseits behaupten, dass Traumata, d.h. posttraumatische (besser: poststressige) Verläufe extrem unterschiedlich verlaufen und an- und  abschwellen und andererseits eine Definition von Trauma aufstellen, welche die Differenzen nivelliert. Trauma ist Leiden, und Menschen können auf vielfältige Weise leiden. Man kann natürlich aus Erfahrung auslösende Konstellationen für innere traumatische Prozesse beschreiben, man wird aber nicht darum herumkommen, den Auslöser von den Folgen zu trennen, und nur die Folgen bestimmter Erlebnisse soll man Trauma nennen. Der oder die Auslöser heißen Stress, und es ist durch willkürliche Expertenmeinungen festgelegt, dass sich traumatischer Stress von gewöhnlichem Stress unterscheidet. Sprachliche Definitionen von psychischen Befunden und Verläufen sind zudem anmaßend, weil sie eine unüberbrückbare Kluft zwischen der Sprachlosigkeit der Leidenden und der Sprachmacht nichtbetroffener Therapeuten unterstellen.

Insofern war ich mit meiner Annäherung an eine Definition nicht gerade in eine Falle gelaufen, denn ich habe lediglich den Umwandlungsprozess von sinnlichen Wahrnehmungen in Physiologie beschrieben, das Ergebnis dieser Metamorphose in neuronale Prozesse aber offen gelassen, wenngleich die gebräuchliche Aufzählung von Symptomen die eigenen Beobachtungen und Gedanken immer wieder scheuklappig beschränkt. Die Intensität und die beklagten posttraumatischen Inhalte, die ich bevorzugt auf einem Kontinuum (von der permanenten Vernichtungsandrohung im Holocaust bis zur Kränkung) verzeichnet sehen möchte, sind durch den Umwandlungsprozess keineswegs festgelegt und als typisch für bestimmte Erlebnisweisen ausgewiesen worden. Jedes Trauma genannte innere Empfinden hat differenzierte subjektive und erfahrungsgesteuerte Anteile. Die subjektiven Wirkungen sind nicht gegeneinander auszuspielen.

PTBS, als klinische Diagnose benutzt, ist nichts anderes als ein Synonym für massives Leiden, das in unterschiedlicher Weise erlebt und der menschlichen Umgebung präsentiert wird, als Schmerz, Schweigen, Rückzug und Verzweiflung. Mit einer solchen Diagnose kann eine Anerkennung individuellen Leidens erfolgen, nicht mehr und nicht weniger. Ohne diagnostische Bezeichnung kann dieselbe Symptomatik als Leiden bestehen, eine Anerkennung aus dem gesellschaftlichen Raum bleibt dann aber aus. Alles Mögliche kann sich Trauma nennen, ohne dass man sich auf Expertenvorgaben berufen muss.

PTBS hat sich nach meiner Überzeugung aus historischen Gründen in den psychiatrischen Kanon verirrt, hat die politischen Zwecke und Implikationen verdrängt und hat durch die Zuweisung an Spezialisten eine Entmündigung gemeinschaftlicher Orientierung und Stützung hervorgebracht. Das wirft bei einer kulturell basierten Diagnose wie PTBS ein Schlaglicht auf den Niedergang von Gemeinschaft, Verwandtschaft, Nachbarschaft und Kohärenz, der vom Wegsehen und von der Vermeidung gekennzeichnet ist. Je mehr wir vom Elend, von der Armut, den Flüchtlingen und Obdachlosen angesehen werden, desto größer fallen unsere Vermeidungsübungen aus und desto mehr halten wir nach Experten Ausschau, denen wir zumuten können, was uns zu nahe käme.

Als das dauerhafte und quälende Trauma in die Welt kam und gleichsam immer ein Reflex auf die Welt wurde, verwies es zugleich auf die wachsende Leere in menschlichen Gemeinschaften, auf Bequemlichkeit, gemachte Unfähigkeit, Rücksichtslosigkeit. Viel wird daher nach Sinn und Bedeutung gerufen, als ob mit diesen nichtmateriellen Begriffen Kohärenz, Respekt und Selbstachtung zu stiften wäre. Kohärenz mit materieller Ungleichheit herstellen zu wollen, ist die zynische Illusion unserer Tage. Mit der Flucht in luftige und ideologisch aufgeladene Bedeutungen und Sinnsuchen ist ein innerer Zusammenhalt von Gemeinschaften dauerhaft und stabil nicht zu erreichen. Diese Möhre vor dem Maul des Esels ist längst verfault und abgefallen. Nur die Schlinge ist übriggeblieben. Die Lösung der sozialen Frage enthält zumindest einen bedeutsamen Teil der Therapie von Traumata, die durch Macht und Gewalt verursacht wurden.